Sieben Leben

Samstagnachmittag, Spätschicht. Astrid ist 60 Jahre alt und hat einen Herzstillstand erlitten. Sie brach am Vortag bei der Arbeit zusammen, Panik im Büro, der Notarztwagen traf ein, 45 Minuten bis zu einem tragenden Rhythmus. Das ist lang, viele Minuten sind verstrichen. Notaufnahme, Schockraum, ein CT des Schädels. Eine große Subarachnoidalblutung, ein Aneurysma, eine Gefäßmissbildung, die Astrid wahrscheinlich schon ihr Leben lang hat und die nie diagnostiziert wurde, ist gerissen. Die neurochirurgische Klinik hat eine Operation abgelehnt, die Blutung zu groß, die Prognose zu schlecht, der Herzstillstand zu lange.

Astrid hat eine große Familie, zwei Töchter, eine Schwester, Eltern, die Mitte 80 sind. Enkelkinder, Cousinen, ihr Exmann, alle sind hier. Astrid hat frisch geschnittene Haare, sieht gepflegt aus, immer noch attraktiv, auch im Intensivpflegebett, zwischen Schläuchen und Apparaten. Als ich komme, wird gerade ein EEG registriert. Ich begrüße alle, die da sind, stelle mich vor, mache meine Checks, kontrolliere die Infusionen, registriere alles im Computersystem. Astrids Töchter erzählen von ihrer Mutter, ich frage nach den praktischen Punkten: Habt ihr gegessen? Geschlafen? Wer kümmert sich um die Enkelkinder? Es ist alles Routine, jede Frage, ich habe diese Fragen schon hundertmal gestellt, und es ist doch wieder alles neu mit dieser Patientin, dieser Familie. Alle sind einzigartig, brauchen mich, uns, auf einzigartige Weise.

Das Ergebnis des EEGs ist vernichtend. David, der verantwortliche Arzt, und ich sammeln die Familie, das Familienzimmer ist voll. Wir setzen uns, Astrids Mutter dreht ein Taschentuch zwischen den Fingern, ihr Vater ist wie erstarrt. Die Töchter weinen. Die Enkelkinder suchen körperliche Nähe. Wir erklären die Ergebnisse. Astrid kann nicht mehr aufwachen, ihr Gehirn ist schwer geschädigt, es schwillt an, wir können nichts mehr tun. Der Gehirntod wird eintreten.

Astrids Mutter schluchzt auf, die Tränen tropfen. Alle hier im Raum lieben Astrid, das ist so deutlich zu spüren. Astrids Mutter fragt langsam, ein bisschen undeutlich, warum es nicht sie treffen konnte, sie ist 84, sie kann sterben, warum ihre Tochter? Ich muss schlucken, David, der selber zwei Töchter hat, sagt, dass er ihren Gedankengang verstehe, als Eltern würde man wohl alles auf sich nehmen, wenn man könnte, nur um seine Kinder zu schützen. Eltern sind nicht dafür gemacht, ihre Kinder zu überleben, egal, wie alt. Die Familie formuliert langsam Gedanken, Fragen, David und ich nicken, fragen, kommentieren, wir fallen selbstverständlich in einen Rhythmus, verständigen uns über einen Blick, wer antwortet? Wer fragt? Wer bestätigt, wer erklärt?

Die Familie will ein paar Minuten für sich selbst, ich erkläre, dass ich jetzt zurück zu Astrid gehe, ich werde die Elektroden des EEGs wegnehmen und ihr die Haare waschen, nach einer Weile kommt Astrids Schwester ins Zimmer. All die leisen Töne in diesen Augenblicken, sie streichelt Astrids Hand, sagt, dass sie einander nie besonders nahegestanden sind, und dann irgendwo doch, sie sind ja Schwestern. Die Töchter erzählen von ihrer Mutter, von ihren Eigenheiten, von den Unterschieden – Astrid ist als Oma so anders als mit ihren eigenen Kindern. Astrids Tochter lacht, bei ihnen gab es nie Nutella, als sie klein waren, die Enkel dürfen aber bei Oma Nutella mit dem Löffel essen. Alle Einzelheiten, die man über eine Person erfahren darf in solchen Augenblicken, alle Gedanken, die da zutage kommen, welch ein Privileg, das mir da gegeben wird!

Gegen Abend fragen Astrids Töchter, ob es eine Möglichkeit gibt, Astrids Organe zu spenden. Wir wollten diese Frage noch etwas ruhen lassen, aber wenn die Familie es selber anspricht, dann greifen wir das auf. Die Familie ist davon überzeugt, dass Astrid eine Organspende gewollt hätte, wir erklären den Vorgang, was Gehirntod bedeutet, welche Protokolle abgearbeitet werden müssen, welche Koordination damit einhergeht. Die Familie ist überzeugt, Astrids Töchter sind dafür, ihre Schwester auch, ich frage ihre Eltern direkt in dieser großen Runde, was denkt ihr? Hier muss jede Meinung gehört werden, hier müssen alle ihre Fragen stellen dürfen und ihre Meinung sagen können. Viele Fragen, wir erklären, dass wir nicht direkt beteiligt sind, machen deutlich, dass die Transplantationsfrage von anderen gemanagt wird, wir, David und ich, sind für Astrid da. Wir vertreten ihre Interessen.

David und ich sehen einander an – gut gemacht, wir waren ein gutes Team, wir haben die Familie gut begleiten können. Der Respekt, den man da voreinander hat – wir kennen uns gut, haben lange zusammengearbeitet, die Zusammenarbeit ist leicht, ohne Anstrengung, wir greifen gut ineinander, ergänzen einander.

Wir starten den Prozess – Blutproben, Diskussionen. Ich bin daran nicht beteiligt, ich bin hier für Astrid. Ich erkläre, unterstütze, fange auf, sorge dafür, dass Astrids Familie etwas zu essen bekommt. Wir reden, jeder Gedanke hat seine Berechtigung, Astrids Töchter wollen ein Lied spielen, natürlich! – und als ich nach Hause gehe, umarmen mich alle, und ich kann nur sagen, wie fantastisch es war, zu sehen, wie sehr die ganze Familie Astrid liebt, und wie einig sich alle waren, was für eine fantastische Familie, welch ein Zusammenhalt!

Der Gehirntod trat nachts ein, die Protokolle waren eindeutig. Am Tag darauf, um 12 Uhr, transportierte ich Astrids Körper zur Operationsabteilung. Astrid spendete beide Nieren, die Leber konnte in zwei Stücke geteilt werden, sie spendete ihr Herz und ihre Lungen, aus der Bauchspeicheldrüse wurden Zellen gewonnen, sie spendete ihre Hornhäute. Sie trug durch andere Gewebe zur Forschung bei. Astrid half direkt sieben Menschen, darunter drei Kinder. Astrids Leber half zwei Kindern, davon eins in einem anderen europäischen Land – beide Kinder waren auf „Urgent Call“ für eine Leber, das Signal, das durch ganz Europa geht, wir brauchen eine Leber, jetzt! Urgent Call befördert potenzielle Empfänger ganz nach oben auf die Liste, gilt aber nur 72 Stunden lang und kann dann nicht mehr angewendet werden für diesen Patienten – auf Urgent Call setzt man nur Empfänger, bei denen man weiß, dass sie innerhalb von 72 Stunden sterben werden, wenn sie kein Organ empfangen. Astrid rettete viele Leben an diesem Sonntag.

Nach zwei Wochen wurde ein riesiger, wunderschöner Blumenstrauß für mich persönlich geliefert, mir einer Karte – die Familie dankte mir für die Unterstützung.