Sommerirrsinn

Freitag – der letzte Tag vor meinem Urlaub. Der Sommer ist immer hart, und jedes Jahr wird er härter. Und diesen Freitag am härtesten.

7:30 ist die Übergabe fertig – wir haben sieben Patienten auf fünf kardiologischen Plätzen, zwei Überwachungsplätze, die voll belegt sind, und fünf Intensivpatienten auf fünf Plätzen (damit meine ich nicht die physischen Plätze, Betten und Zimmer gibt es hier genug, wir haben nur nicht alle offen wegen Pflegekraftmangel). Ich habe nur Personal für die genannten Plätze, und die sind nicht mal annähernd genug.

Um 7:45 ist das Postfach schon voll – zwei zentrale Venenkatheter, ein Pneumothorax, eine Herzmuskelbiopsie. Außerdem will die Wachstation eine 90-jährige Patientin verlegen, die immer wieder Arrhythmien hat.

Um 8:15 kommen die Ärzte, verbissene Stimmung bei der Abstimmung, es ist viel tun, die Notaufnahme ist voll, wir haben keine Plätze. Die Herzmuskelbiopsie wird verschoben auf Montag, wir versuchen, den Rest heute zu schaffen. Björn und ich machen einen Plan für den Tag – ein zentraler Venenkatheter um 9:30, der andere um 10:15, den Pneumothorax um 10:45, das ist unser Plan. Wir sind zu wenig, die Patienten alle schwerkrank. Zwei neue Patienten, wir versuchen, andere auf die Stationen zu schicken, die haben auch voll.

In all diesem Chaos schwirrt immer mal wieder die einzige Chefin herein, die gerade im Dienst ist – Sandra. Ich weiß gar nicht, wie man Chef auf einer Intensivstation werden kann, wenn man klinisch seit Jahren nicht mehr tätig war, sich weigert, einem Patienten auch nur nahe zu kommen, und auch im sozialen Bereich deutliche Schwächen aufweist. Sie fragt mit Schrecken im Blick, ob sie was helfen kann – ja, was sollte das denn auch sein?!?

Das Telefon klingelt ständig, alle reißen an mir. Das Personal ist so unerfahren, einer der größten Schwachpunkte ist, dass so viele erfahrene Intensivschwestern diesem Bereich den Rücken gekehrt haben und jetzt nur noch Rookies hier arbeiten. Eigentlich wäre das Neusein kein Problem, wenn man von erfahrenen Kollegen angeleitet werden könnte, aber wenn auf einmal nur noch neue Schwestern und Pfleger da sind, dann wird es kompliziert. Ich laufe nur noch – ein EKG, kein Problem, das ist ein left bundle branch block, aber den hat er schon 2015 gehabt, wie bestellt man eine Pilzkultur? Unter Kulturen, und dann ist das die kleine Flasche mit dem dünnen Hals. Johannes braucht Hilfe bei den Ventilatoreinstellungen, Max hat Fragen zur Hämodynamik. Ich will das alles gerne machen, ich will wirklich allen helfen, will erklären, aber alle brauchen so viel Hilfe, und ich muss ständig priorisieren, welcher Patient am schlechtesten dran ist, und die jeweilige Pflegekraft unterstützen.

Laura ruft an – ihr Patient, Hermann, der vor fünf Tagen einen Herzstillstand hatte, ist völlig instabil, sie kann den Blutdruck nicht mehr halten. Ich komme – auf dem Weg will Gina Hilfe mit ihrem Patienten, es sickert Blut aus der Einstichstelle der perkutanen Intervention, ich habe jetzt keine Zeit, Gina ist so neu, arbeitet erst seit sechs Wochen bei uns, ich sage, sie soll das Terumoband nochmal mit 3ml Luft aufpumpen, ich komme, sobald ich kann, okay, Gina? Laura hat rote Flecken im Gesicht und am Hals, ihr Patient hat nur 60/35 im Blutdruck, Ute, die Ärztin ist auch da, sagt „Adrenalin“, Laura sieht hilflos aus, ich reiße den Akutwagen auf, da ist Adrenalin drin.

Wir wenden den Verlauf nicht, nach 40 Minuten müssen wir die Waffen strecken. Ich weiß, nach so etwas muss Laura reden, und ich habe keine Zeit. Ute fängt meinen Blick, nickt, sie sammelt das beteiligte Team, sie spricht das durch.

Der erste zentrale Venenkatheter kommt – das geht nicht ohne Krankenschwester, die braucht Beruhigungsmittel. Ich hänge 20 Minuten in einem Saal fest. Ich habe nichts gefrühstückt, Gregor aus der Notaufnahme muss einen Patienten mit Lungenödem zu uns schicken, die Aufwachstation will immer noch die 90 Jahre alte Dame schicken. Ein akuter Herzinfarkt kommt, eine Schwester der kardiologischen Intensiv muss in die Angiographie. Wir werden unsere Patienten nicht los.

Ich sehe zu, dass die Schwestern zum Essen kommen, selber kann ich mir das jetzt nur abschminken. Sandra fragt, ob sie mich ablösen soll – nein, danke. Vielleicht nett gemeint, aber wenn ich ihr jetzt die Leitung überlasse, dann ist in einer halben Stunde die Apokalypse da. Ute verspricht, mir und Björn etwas zu essen mitzubringen.

Die 90 Jahre alte Dame ist endlich bei uns gelandet, das Lungenödem stabilisiert. Ich mache meine Runde, stimme ab, lobe, versuche, mit allen ein paar Worte zu wechseln, das war für alle ein harter Tag. Um 14:00 können Björn und ich uns endlich hinsetzen, um etwas zu essen, und dann habe ich endlich Schluss.

Oder auch nicht. Als wir aufstehen, kommt der Anruf, ein Herzinfarkt, instabil, intubiert, auf dem Weg in die Angiographie. Ich weiß, dass Careen, die heute Nachmittag Koordinator ist, im Moment niemand schicken kann – okay, ich mach’s, ich fange an. Wer braucht schon Urlaub? Sandra kommt und sagt, sie gehe jetzt nach Hause. Wie schön, wenn man jetzt nach Hause gehen kann, ich muss leider noch bleiben, but hey, never mind…

Oben in der Angiographie: Ventilator an die Gasanschlüsse, die Patientin auf den Tisch, Überwachungsausrüstung, Defibrillationsplatten, das Team fängt an, alles sieht stabil aus, Björn fragt, ob er gehen kann, Inesse ist ja hier. Eigentlich nicht, eigentlich haben wir gesagt, dass ein Facharzt anwesend sein soll und das ist Inesse nicht, aber ja, ich weiß ja, was da unten auf der Intensivstation los ist. Mit Inesse tue ich mir schwer, in meinen Augen eine große Klappe und nichts dahinter, dieses laute, lärmende, ständige Reden, auch wenn sie keine Ahnung davon hat, was sie gerade sagt. Nach 10 Minuten plötzlich Umschlag in eine Ventrikeltachykardie, der Blutdruck sinkt, ich lade, feuere ab, die Patientin springt wieder um in Sinus. Inesse gibt 1000 Anweisungen – wir sind hier nur zu zweit, Inesse, du musst auch selber etwas tun, hier steht kein ganzes Team. Wieder VT, wir defibrillieren, kurzer Umschlag, dann wieder VT, das Gefäß muss geöffnet werden, der Operateur flucht, ich rufe Björn an, du musst kommen, das hier geht schief. Inesse sieht sauer aus, am liebsten hätte sie wohl hier weiterhin das Kommando geführt, aber das kannst du vergessen, Mädchen, ich will jetzt einen Arzt, der das hier kann und mit dem ich mich sicher fühle.

Um 16:30 sind wir wieder auf der Intensiv mit der Patientin, das Gefäß geöffnet, immer noch instabil, und jetzt geht das ganze Programm los – Magensonde, ZVK, ein arterieller Zugang… ich kann endlich um 17:15 gehen. Thank God it’s Friday und ich habe vier Wochen Urlaub vor mir…