Sterben dürfen

Sterben ist nicht leicht. Meine 87 Jahre alte Patientin hatte einen Schlaganfall und jetzt hat sie eine Lungenentzündung. Schon zwei Nächte lang ging es ihr miserabel, man hatte schon entschieden, im Ernstfall keine Herz-Lungenwiederbelebung mehr zu machen, behandelte aber weiterhin aktiv die Lungenentzündung. Das ist eine Gradwanderung, man entscheidet, dass eine Behandlung noch Sinn macht, will aber keine heroischen Maßnahmen mehr ergreifen.

Der Frau ging es wahnsinnig schlecht, vorgestern Nacht rufen mich meine Schwesternhilfen, die Sauerstoffsättigung sei nur 65%, ich betrete das Zimmer, die Frau erbricht plötzlich grüne Galle, röchelt, und dann steigt rosafarbener Schaum aus dem Mund, Lungenödem. Ich spritze Furosemid und rufe den Arzt an, die diensthabende Neurologin hat keine besondere Lust, sich mit dieser Patientin zu befassen, meint, die Frau sei ja schon genullt – das heißt so, wenn die Herz-Lungenwiederbelebung ausgesetzt ist. Ja, aber wir behandeln noch. Wir können das beide falsch finden, die Vorschriften sind klar, und eine Änderung kann nur von einem Oberarzt entschieden werden. Was soll ich jetzt machen? Herzinsuffizienz, das Wasser staut sich rückwärts in die Lungen, ich kann die Frau ja aber nicht vertrocknen lassen.

Die Neurologin schlägt vor, den MIG-Arzt anzurufen, den ranghöchsten Arzt der Zentralintensiv. Na gut. Ich rufe ihn an, er zeigt sich interessiert, bis er entdeckt, dass die Frau genullt ist! Ja, ich weiß, und ich wollte auch keine Herzmassage durchführen, aber wir behandeln noch aktiv, also habe ich die Pflicht, jetzt was zu tun, wenn sie erbricht, aspiriert und ein Lungenödem entwickelt! Ich finde es auch nicht richtig, aber irgendjemand muss mir jetzt bei der Behandlung dieser Frau helfen.

„Also, auf die Intensiv kann sie nicht kommen!“

„Hab ich gesagt, dass ich die Frau verlegen will? Ich brauche hier nur eine Entscheidung!

„Es ist wohl besser, wenn du den diensthabenden Arzt der Neurointensiv anrufst, der ist näher dran.“

He, du Wichtel, wie kommst du mir denn hier vor? Was heißt hier näher dran, der sitzt auch nicht im Nebenzimmer.

„Die Telefonverbindung zu Ihnen ins Haupthaus ist doch ausgezeichnet, oder?“, sage ich spitz. Hilft nichts, der hat auch keine Lust, sich mit dieser Patientin zu befassen.

Also rufe ich den Neurointensivarzt, erkläre mein Problem und der sagt hilfsbereit, ja, ich komme hoch und schau sie mal an – danke!

Er kommt und sagt, also auf die Intensiv wird sie nicht verlegt – habt ihr eigentlich alle panisch Angst, einen Patienten aufs Auge gedrückt zu bekommen? Ich will sie nicht loswerden, ich will nur, dass sie jetzt hier nicht im eigenen Schleim erstickt! Manchmal ist die Kommunikation in einer so großen Klinik so kompliziert, manchmal fühlt sich niemand für irgendwas zuständig – und ich steh hier mit einem Patienten, der dringend Hilfe braucht!

Gestern haben sie alle Maßnahmen ausgesetzt, also keine Behandlung mehr, nur Sauerstoff. Kein Antibiotikum, keine Flüssigkeit, nichts. Die Frau darf sterben. Wir dachten eigentlich, sie würde in dieser Nacht noch sterben, aber sie hat die Nacht durch weitergeatmet, und irgendwie zerrt das an den Nerven. Da geht ein Mensch jämmerlich zugrunde, und ich kann ihr nicht helfen, weil Menschen, die noch nie jemandem so beim Sterben zugesehen haben, ein Gesetz gestiftet haben, das besagt, dass Sterbehilfe unethisch ist. Und jemanden so verrecken zu lassen, das ist dann ethisch richtig? Na danke, solange ihr nicht zusehen müsst… Kann ich bitte mal alle, die so was entscheiden, mal eine Woche mit mir auf Station mitnehmen? Mal sehen, was ihr dann sagt, ihr Schreibtischsalbaderer!

Und heute Abend, als ich kam, lebte sie immer noch, ich dachte, ich pack es nicht. Und sie ist sogar etwas verbessert, schlägt sogar einmal die Augen auf – und irgendwann kommt man da ins Wanken in der Nacht. Das mit dem Aussetzen aller Maßnahmen ist schon richtig, WENN der Betreffende dann auch stirbt! Aber wenn er es nicht tut, dann kommt man ziemlich schnell an die legalen Grenzen, ich lasse hier eine Frau ohne jede Versorgung liegen, seit 36 Stunden ohne jede Flüssigkeitszufuhr, da kommen einem schon die Zweifel, und wenn sie nicht stirbt, was soll ich dann machen, wenn es ihr jetzt ein bisschen besser geht, sollte ich nicht den Arzt anrufen und wieder Antibiotika einsetzen lassen? Und Flüssigkeit anhängen, tue ich überhaupt noch das Richtige?

Es hält aber nicht an. Oft verbessern sich die Sterbenden noch mal ein, zwei Stunden, und dann geht es steil bergab. Das weiß man aber nicht in dem Moment, wo die Frau die Augen öffnet, hinterher ist das alles klar, aber mitten in der Nacht weiß man das nicht. Es geht steil bergab, und dann wird die Atmung laut, viel lauter, es klingt wie ein jämmerliches Klagen, ich spritze Morphin, hilft nicht, Diazepam, hilft auch nicht, auf der ganzen Station hört man dieses Klagen, und ich stehe da und denke, wenn ich jetzt noch einen einzigen Tropfen spritze, dann bringe ich sie um – und das ist verboten. Diese Spritze ist verboten, da führt kein Weg dran vorbei. Und ich schaue meine Schwesternhilfen an und Astrid meint, „du machst es, so gut du kannst, mehr kann man nicht tun“. Ja, das ist so, aber dieses Klagen hat mich aufgerissen.

Um vier wird es still, um viertel nach spritze ich nochmal ein bisschen Morphium. Jetzt sind wir ganz nah, und ich setze mich auf einen Stuhl neben sie und halte ihre Hand, und um kurz vor fünf kommt kein Atemzug mehr. Ich sitze da, und die Liedzeile geht mir durch den Sinn… „ich stelle mir das Sterben vor, so wie ein großes helles Tor, durch das wir einmal gehen werden. Dahinter liegt der Quell des Lichts, oder das Meer, vielleicht auch nichts, vielleicht ein Park mit grünen Bänken, doch eh nicht jemand wiederkehrt und mich eines Besseren belehrt, will ich mir dort den Himmel denken…“

Schließlich lege ich ihre Hand sanft zurück und rufe den Arzt an. Na, da haben wir mal wieder eine neue Pfeife! Er antwortet, ich sage, einer meiner Patienten ist gerade gestorben, und er sagt verschreckt. „Was ist passiert, was hast du gemacht???“

Ich sagte mit zusammengebissenen Zähnen: „Diese Frage habe ich nicht gehört!“

Er sagt, er kommt, und kommt eine halbe Stunde später – noch gefrühstückt auf dem Weg? Wenn ich “jetzt” sage, dann meine ich “jetzt”! Ich bin vielleicht auch etwas gereizt…

Er kommt – mager, hässlich, irgendwie schmierig, reicht mir die Hand und stellt sich vor, und der Handschlag ist wie ein toter Fisch, igitt, so eklig, so unentschlossen, also, als Arzt braucht man doch einen energischen Handschlag! Er geht rein und verbringt gute 20 Minuten damit, den Tod festzustellen, und ich denke, sag mal, was macht der denn da drin, wie schwer kann es denn sein, und habe schon fast Lust, reinzurufen, dass ich keinen neurologischen Status der Patientin brauche…

Manchmal finde ich es schwer, Krankenschwester zu sein, und manchmal geht man nach Hause und denkt, diesem Patienten war ich keine gute Krankenschwester. Wie war das noch, „nichts als Gutes“?