Stopp

7:00, Beginn der Frühschicht. Das Team, das die Nachtschicht gearbeitet hat, erwartet einen Patienten aus der Lungenmedizin. PCO2 14, pH 6,9, kommt für non-invasive Ventilatorbehandlung, eventuelle Intubation.

Herein rollt Sarah – Sarah ist 78 Jahre alt, obstruktive Lungenkrankheit, Herzinsuffizienz, Aortenstenose. Sarah ist schwerkrank, sie ist abgemagert, wiegt vielleicht noch 45 Kilo. Eine Anästhesistin handventiliert über die Maske, ruft aufgeregt etwas von Intubation, das Team setzt sich in Bewegung und ich hebe die Hand, „nicht ohne Oberarzt, Eva, ruf ihn jetzt an, wir intubieren die Patientin nicht ohne Björn“. Welch ein Wahnsinn – ich bremse das ganze aufgeregte Team, ruhig jetzt, keine Panik, die Patientin ist schwerkrank, jetzt erstmal langsam mit den drastischen Maßnahmen.

Ich weiß, dass Sarahs Chancen, eine Intubation und Intensivbehandlung zu überstehen, minimal sind, dass das blanker Wahnsinn ist, dass Sarah niemals überhaupt hierherkommen hätte sollen, in den frühen Morgenstunden von der Lungenmedizin auf die Intensiv gerollt. Hätte irgendeiner der Ärzte, die Sarah in den letzten Tagen betreut haben, eine Entscheidung treffen können, hier keine Wiederbelebungsmaßnahmen mehr einzusetzen, keine mechanische Ventilation, keine Intensivstation, dann hätte Sarah in ihrem Einzelzimmer auf Station sterben können. Stattdessen stehen wir hier, in einem Intensivpflegesaal, früh morgens, Sarah ist entblößt, mit Kabeln und Schläuchen versehen, das Gesicht unter der Beatmungsmaske halb verborgen.

Björn kommt, natürlich, wie immer, er kommt, ich weiß, dass er kommt. Gerade aufgestanden, geweckt im Dienstzimmer, er hat keine Strümpfe an, ein Blick durch die Fensterscheibe, ich schüttele den Kopf, die Anästhesisten berichtet, Björn setzt sich an den Computer, liest nach, steht auf und sagt deutlich „keine Intubation – wir gehen sofort zur Palliation über.“

Ich ziehe Morphium und Valium auf, dankbar, sicher, dass das die richtige Entscheidung war.

Sarah stirbt 13 Minuten nach Björns Entscheidung. Sie stirbt still und ruhig, sie hört einfach auf zu atmen. Wie viele Male saß ich schon neben einem Patienten und habe eine schon kühle Hand gehalten und gewartet…