Sunshine Story

07:25 – Stefan geht in die Notaufnahme, eine Patientin, 1974 geboren, Herzstillstand. Wir machen uns bereit, alle Apparate sind einsatzbereit, das Personal steht bereit. Im Bus zusammengebrochen, zufälligerweise neben einer Krankenschwester, die auf dem Weg zur Arbeit war. Die Akte ist leer, es gibt keine Aufzeichnungen. Die dreijährige Tochter war dabei, als Sina zusammenbrach. Die Polizei kümmerte sich um das Kind. Sina hat nach neun Minuten wieder einen lebensgebenden Rhythmus.

Das sind alles nur Buchstaben auf dem Computerbildschirm, während wir Sina entgegennehmen, erste Maßnahmen ergreifen, sie muss nach oben in die Angiographie, ein Kranzgefäßröntgen, war das ein Herzinfarkt? Wir arbeiten schnell – bis ich im Flur auf zwei Polizisten treffe und den völlig verstörten Ehemann mit einem kleinen Mädchen an der Hand. Da erst wird Sinas Familie real. Ich zeige den beiden das Familienzimmer, bitte Katja, um sich um ein Frühstück zu kümmern, ich muss mit Sina in die Angiographie. Schlüssel, Medikamente, es muss schnell gehen, nach oben, auf den Tisch, da schlägt Sina die Augen auf, bewegt den Kopf, sieht mich an, während die Röntgenröhre über ihr surrt. Sie sieht mich, sie hört mich – die ruhige, besänftigende Stimme, die man in solchen Augenblicken bekommt, „du bist im Krankenhaus, wir kümmern uns um dich“, während meine linke Hand nach der Pumpe mit den Schlafmitteln tastet, „dein Mann und deine Tochter sind hier“, Sina versucht zu lächeln, ich frage noch „verstehst du, was ich sage?“ und Sina nickt, die Augen fallen zu, ich habe die Dosis des Schlafmittels erhöht.

Für mich steht nach diesem Kontakt eindeutig fest: Sina hat keine neurologischen Schäden erlitten. Ihr Gehirn, ihre Wahrnehmung ist intakt. Die Kranzgefäße sind sauber. Zurück auf die Intensivstation, kurz ins Familienzimmer, da sitzt Sinas Mann Daniel, immer noch fassungslos, und das kleine Mädchen, Amy, die beiden haben etwas zum Frühstücken bekommen, Amy blättert in einem Buch, und ich versuche zu erklären, was wir gerade tun. Daniel ist völlig im Schock, er redet über Sinas Familie, die auf dem Weg ist, er zittert am ganzen Körper, die Polizisten stehen im Hintergrund. Daniel nimmt nicht mal einen Bruchteil von dem wahr, was wir gerade tun, was hier passieren kann, wie sein Leben aussehen könnte, und schon das ist entsetzlich. Sina muss ein CT kriegen, Schädel und Thorax, der gewaltige Apparat, der da in Bewegung gesetzt wird, wir versuchen zu erklären, wir haben keine Antworten zu geben, nur Verdachtsmomente.

Das Erstaunliche ist Sinas Tochter Amy. Dieses kleine Mädchen, das so vertrauensvoll ist, dem es bei uns wirklich gutgeht – viele Kinder reagieren heftig auf das Milieu einer Intensivstation, die fremden Leute, sie fühlen sich einfach nicht wohl bei uns. Amy mag nicht im Raum bei ihrer Mutter sein, aber außerhalb geht es ihr gut – sie darf bei Katja in der Küche spielen, sie lacht und isst Kekse. Wir helfen einander, Anja sitzt plötzlich auf dem Sofa und liest aus einem Kinderbuch vor, gegen Mittag fragt Amys Vater, ob sie kurz bei mir bleiben kann, er muss ein paar Anrufe machen. Ich bin Koordinatorin und habe viel zu tun, aber Amy läuft mit mir mit, lacht und zeigt, wenn ich irgendwohin muss, hebe ich sie hoch und sie lässt sich alles gefallen, folgt mir, lässt sich von mir herumtragen, als ich telefoniere, spielt sie mit meinem Haarclip und plappert etwas in ihrer Kindersprache, das ich nicht verstehen kann, ich sage „und da ist Dominik, jetzt sagen wir: Hallo Dominik!“ und wir winken, wir holen noch einen Keks aus dem Schrank aus der Küche, sie dreht die Bürostühle, während ich etwas am Computer erledige, sie lacht hell, als ich mich auf dem Stuhl drehe, sie zeigt mir ihre Kuscheltierkatze, bietet mir ihren Schnuller an und ist so zufrieden, so vertrauensvoll, so ausgeglichen, wie ich noch nie ein Kind auf der Intensivstation gesehen habe. Katja nimmt sie mir wieder ab, sie darf in der Küche auf einem Hocker sitzen, während Katja das Geschirr in den Geschirrspüler lädt, und dann darf sie Katja helfen, den Kaffeeautomaten aufzufüllen.

Sina wird gegen 12:30 extubiert, sie ist wach, sie spricht. Die Erleichterung, die Freude im Saal, Sina ist noch bei uns. Wir haben es geschafft, einer unserer Patienten hat es geschafft, eine Patientin mit einer kleinen Tochter, einem Ehemann, das ist wirklich eine „sunshine story“.

Sina ist noch bei uns auf Station, 44 Jahre alte Frauen mit einem Herzstillstand müssen exakt untersucht und diagnostiziert werden. Eine seltene genetische Krankheit, Myocarditis? Wir sind noch dran, aber die Freude schwingt diesem Fall mit – Sina ist noch da, sie ist bei uns.