Schlagwort-Archiv: Arzt

Von Dinosauriern

Warum schaffen manche Ärzte den Absprung ins Rentnerdasein einfach nicht?

Die Frage stelle ich mir gerade sehr ernsthaft, denn ich habe ein wachsendes Problem am Hals, und es heißt Bernhard Schaarschmidt. Bernhard ist wird diesen Sommer 74 Jahre alt und weigert sich standhaft, in Rente zu gehen. Er ist einer der großen Meister der Inneren Medizin, hat Lehrbücher verfasst, arbeitet seit 1965 an diesem Krankenhaus, hat sowohl die Intensivmedizin als auch die Innere Medizin über Jahre hinweg vorangetrieben, war einer der ganz Großen, sein Name forderte Respekt.  Weiterlesen

Das erste Mal

Tobias ist erst vor sechs Monaten zu uns gestoßen, als fertiger Facharzt in Anästhesie und Intensivmedizin auf diese spezielle Intensivstation gekommen, die Kardiologie und Innere Medizin muss erst erlernt werden, dann ist es soweit – Tobias darf seine erste Schicht als Oberarzt gehen. Die neuen Oberärzte gehen immer erstmal nur Tagschichten, von 08:00 bis 18:00, keine Nachtschichten. Bis 12:00 ist der Oberarzt der vorigen Nacht noch anwesend, um 17:00 kommt der nächste erfahrene Oberarzt. Die neuen Oberärzte haben also fünf Stunden, die sie alleine schaffen müssen, in der Zeit haben sie aber immer einen Ansprechpartner via Telefon. Weiterlesen

Wieder einmal Flo…

Und es geht weiter mit Flo…

Sonja ist mal wieder bei uns. Sonja ist das, was wir als „frequent flyer“ bezeichnen, sie kommt alle 6-8 Wochen mit respiratorischer Insuffizienz zu uns. Sonja hat eine chronische obstruktive Lungenerkrankung und raucht immer noch zwei Schachteln pro Tag. Jetzt hat sie die Grippe, dazu noch eine bakterielle Superinfektion. Sie braucht non-invasive Ventilation.  Weiterlesen

Du fehlst mir, die Zweite

Heute kam die Sprache auf Matthias, und wie immer sind sich alle einig: Matthias fehlt uns, er fehlt jedem, es gibt hier keinen, der Matthias nicht vermisst. Jeder wünscht sich, Matthias würde zurückkommen. Und ich bin dabei in den Gesprächen, Matthias und ich stehen in Kontakt via SMS und E-Mail, ab und zu telefonieren wir miteinander, und ich denke, keiner vermisst Matthias so wie ich, keinem fehlt er so wie mir, dieser Freund, dieser Vertraute, dieser Fels in der Brandung. Matthias, der so wenig Platz einnimmt, hat eine riesige Lücke bei uns hinterlassen. Weiterlesen

Du fehlst mir

Ich schreibe immer über Björn, und das ist eigentlich gar nicht so geplant. Björn ist einfach der Arzt, der den größten Abdruck und Eindruck hinterlässt, Björn, der so viel Platz einnimmt, so charismatisch und enigmatisch ist, der alles durchdringt und immer überall sichtbar ist, diese farbenschillernde Persönlichkeit, die mich zum Leuchten bringt und mich jeden Tag aufs Neue herausfordert, immer Herausforderung zwischen uns, immer an der Grenze, immer Dissonanzen und doch Einklang, immer voller Spannung, Vertrautheit, Spannung, Konflikt, Diskussion, Verständnis und Ungeduld – diese eigenartige Freundschaft zwischen uns, die sich über Jahre entwickelt hat. Wir sind Gegenpole, Björn und ich. Weiterlesen

Auge um Auge

Wenn sich der Zustand von Patienten auf den Stationen verschlechtert, können die Krankenschwestern dort die MIG zu Hilfe rufen. MIG steht für „mobile intensive care group“ und bedeutet, dass die Intensivstationen zur Untersuchung des Patienten kommen. Es gibt verschiedene Faktoren, die die MIG auslösen, wie sehr hoher oder niedriger Blutdruck, Atmungsfrequenz oder Puls, plötzliche Bewusstseinssenkung oder andauernde Krampfanfälle. Die MIG besteht aus einem Intensiv-Arzt und einer speziell ausgebildeten Krankenschwester.
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Bericht von der Front

Zum ersten Mal hab ich jetzt Björns ganze Vorlesung gehört, über seinen Einsatz in einem Kriegsgebiet. Er hat mir davon erzählt, in fünf ruhigen Minuten zwischen zwei Patienten, ein paar Bilder gezeigt, in der uns heiligen und kostbaren kleinen Pause, die wir beide immer in der Nachtschicht nehmen, nachdem die Nachtvisite war und bevor er ins Dienstzimmer geht, um ein paar Stunden zu schlafen.

Björn hat eine unendliche Energie, einen Drive, den nur wenige haben, immer unzufrieden, immer suchend, immer noch mehr und niemals genug, schneller, höher, noch besser, messerscharf, außen steinhart und innen weich und verletzlich, ein Künstler mit ungewöhnlichen Hobbies, ein Fotograf, ein Musiker, ein Meister in allem, was er tut, und ein brillianter Arzt.

Aber jetzt habe ich die ganze Vorlesung gehört, mit den Bildern, die er bei der Arbeit dort geschossen hat, und ich bin zutiefst bewegt von dem, woran er uns teilhaben ließ. Die Zustände, die Bedingungen, die Verletzungen, der Mangel an allem – Ärzten, Krankenschwestern, Medikamenten, Material. Die Bilder sind fürchterlich, meisterhaft geschossen. Dort zu arbeiten, mit nichts, mit dem Auftrag, dort die Notaufnahme zu organisieren und ein fungierendes Triagesystem zu implementieren, bei allem Grauen niemals das Gesamtbild aus dem Blick zu verlieren, Verluste zu akzeptieren und das zu tun, was man kann, mit dem, was man hat – ich habe immer gedacht, mein Respekt für diesen Mann, diesen Arzt könne nicht größer werden, und habe mich geirrt.

Ich sehe ihn die Vorlesung halten, er spricht wie immer, gut, ausgezeichnet, er fesselt die Zuhörer, und ich bin ganz still vor Respekt. Ich kenne ihn gut, besser als die meisten hier, wir stehen einander nahe, ich höre alles, was er sagt, und auch das, was er nicht sagt. Ich schweige vor dem, was er dort getan hat, vor seinem Mut, seiner Integrität, seiner Entschlossenheit. Ich schweige still vor dir, Björn, und ich bin so stolz, dich als meinen Freund und Kollegen bezeichnen zu dürfen!