Schlagwort-Archiv: Tod

Der ethische Kompass

Andreas liegt immer noch im Intensivpflegebett, seine Kinder versammeln sich um ihn, er hat drei Enkelkinder, zwei im Grundschulalter, die Älteste ist 14 Jahre alt. Helena und Jolina, Andreas‘ Töchter, weinen, Ralf, sein Sohn, bewegt sich ganz mechanisch. Ich rücke Stühle zurecht, bitte meine Kollegin, eine Kanne Saft zu holen, das muss ein so fürchterliches Gespräch gewesen sein. Es tut mir so leid. Ich teile Taschentücher aus, versuche, ganz für die Familie da zu sein, eine Hand auf der Schulter, versuche zu zeigen, dass wir Andreas umsorgen und pflegen, dass wir ihn nicht als „abgeschriebenen Fall“, als hoffnungslos einstufen, versuche zu zeigen, dass die tägliche Pflege weitergeht, dass wir uns um ihn kümmern, unabhängig davon, welche Bescheide gerade mitgeteilt wurden, welche Entscheidungen wir getroffen haben. Ich versuche zu zeigen, dass wir nicht Gegner sind, dass wir wirklich Andreas’ Bestes wollen, dass wir hier auf derselben Seite stehen. Weiterlesen

Ich bin schon immer da…

Die Zahl der Patienten, die ich im Tod begleitet habe, ist für mich nicht mehr zählbar. Meine Mutter hat mich vor vielen Jahren mal gefragt, wie oft ich einen Herzstillstand erlebt habe und wie oft ich die Kompressionen durchgeführt habe. Meine Antwort war damals schon: „Ich weiß es nicht. Viele Male.” Weiterlesen

Wirst du auch traurig?

Montag, 13:00 – Evas Intensivpflege wird heute abgeschlossen. Im Familienzimmer sitzen die Pflegeeltern Pia und Niklas mit Lena und Felix. Anton, der Vater der Kinder, kommt. Zu meiner Erleichterung ist er nüchtern.  Die Kinder werfen sich in seine Arme, er sitzt auf dem Sofa, in jedem Arm ein Kind. Der Sozialarbeiter kommt, wir bitten die Pflegeeltern aus dem Zimmer, sprechen den Plan ab. Wir vereinbaren, dass die Kinder jetzt Abschied nehmen dürfen, sich alle Zeit lassen können, und wenn die Familie gegangen ist, werden wir den Tubus ziehen. Wie lange Eva danach überleben wird, kann keiner sagen, es kann sich um Minuten handeln, wenn sie aber allein atmen kann, kann es noch 2-3 Tage dauern, bis sie stirbt. Die Pflegeeltern sitzen auf dem Sofa, erzählen von der Reaktion der Kinder, sind sich selber unsicher, sind ernsthaft um die Kinder besorgt. Weiterlesen

Geh schlafen…

Dieters Geschichte ist eine intensivmedizinische Lawine. Vor fünf Monaten kam Dieter in die Notaufnahme, ein 56 Jahre alter Mann mit Grippe. Dieter ist gesund, als er 32 Jahre alt war, wurde ein Hodgkin-Lymphom erfolgreich behandelt, seit er 38 ist, ist er in Remission. Dieter wurde stationär aufgenommen, sein Zustand war bedenklich, zur Grippe kam eine bakterielle Lungenentzündung, zu dieser eine Sepsis, dann wurde Bakterienzuwachs auf zwei Herzklappen festgestellt. Weiterlesen

Vier Nächte an Weihnachten

 

Besinnliche Weihnachten? Vergiss es. Meistens arbeite ich über Weihnachten, und meistens ist eine Menge Betrieb (wer an Weihnachten in die Notaufnahme schaut, der fragt sich nur, was MACHEN die Leute denn bloß alles im Lauf dieser angeblich so besinnlichen Feiertage????). Vorletztes Jahr war es besonders heftig. Vier Nächte über Weihnachten in der Neurologie. Ich habe schon viele Weihnachten gearbeitet, aber diese vier Nächte sind wie mit Säure in meine Erinnerung geätzt. In diesen vier Nächten starben neun meiner Patienten. Weiterlesen

58 Minuten

Hermann kommt gegen Mitternacht zu uns. Hermann ist 92 Jahre alt, hat einen Herzstillstand erlitten. Er hat Prostatakrebs und Demenz im Endstadium. Seine Tochter hat in Panik den Notruf angerufen, als er Atemschwierigkeiten bekam; als der Krankenwagen eintraf, stand sein Herz schon still. Nach 30 Minuten bekamen die Sanitäter einen lebensgebenden Rhythmus. Weiterlesen

Niederlage

„Wie schaffst du das?“, fragte mich eine Leserin auf einen kürzlichen Beitrag. Ganz ehrlich? Manchmal schaffe ich es nicht gut. Und manchmal gar nicht. Ich bin kein Übermensch. Ich bin eine gute Krankenschwester, glaube ich, aber es gibt Tage, an denen komme ich nicht klar, an denen mache ich Fehler, an denen fühle ich mich unfähig, ohnmächtig, an denen möchte ich heulen, oder ich tue es. An denen klappt es nicht, und ich scheitere. Aber am Ende steht man halt wieder auf, wischt sich die Tränen ab und macht weiter. Ich musste da spontan an einen Fall vom Anfang meiner Intensiv-Karriere denken, ich war noch sehr jung…

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