Teufel Alkohol

Alkohol ist eines der größten Probleme überhaupt. Ich glaube, ca. 90 % unserer Patienten haben eine Anamnese der Überkonsumption. Bei sicher 40 – 50 % ist Alkohol eine der direkten Ursachen der Aufnahme.

Es gibt zum einen diese wirklich tief abgerutschten Alkoholiker – bei denen das ganze Leben in die Brüche gegangen ist. Es zählt nur noch der Alkohol. Manchmal schaudert es einen bei den Geschichten. Das sind diejenigen, die mit 5,0 Promille noch laufen können, die seit Jahren besinnungslos trinken, oft die wirkliche soziale Ausgesetztheit, Obdachlosigkeit, alles ist verloren. Der Alkohol verursacht schwere Leberschäden, die Abstinenz verursacht Krampfanfälle, oder, in schlimmen Fällen, das Delirium Tremens. Das sind die Alkoholiker, die in Ermangelung von Alkohol auch Desinfektionsmittel, Methanol oder Ethylenglycol trinken können, nur um dieses Verlangen zu befriedigen. Methanol und Ethylenglycol sind nicht ungewöhnlich bei Alkoholikern, die sich wirklich auskennen, denn in den entsprechenden Mengen erfordert die Vergiftung mit gepanschten Alkoholen die stationäre Aufnahme. Das Gegengift ist absurderweise das reine Ethanol – wir verabreichen Ethanol intravenös, um den Abbau des Methanolalkohols zu hemmen. Man kriegt also seinen Rausch auf der Intensivstation, intravenös, wenn es sein muss, über Tage hinweg.

Adrian ist so ein Alkoholiker. Adrian ist vielleicht ein bis zweimal im Monat bei uns. Adrian ist Orthopäde, hat aber vor Jahren die Approbation verloren. In den Neunzigern hatte er Familie, einen Facharztvertrag an diesem Krankenhaus, ein ganz normales Leben, bis sein vier Jahre alter Sohn von einem Auto erfasst wurde und starb. Trauer, Trennung, Scheidung. Und ein Alkoholkonsum, der aus dem Ruder lief, bis er vom Dienst suspendiert wurde, weil er betrunken bei der Arbeit aufkreuzte. Adrian hat es nicht geschafft, in ein normales Leben zurückzufinden, die Approbation wurde nach Jahren entzogen, Adrian ist seit Jahren obdachlos und wird immer mal wieder in den Fluren der Kinderklinik gefunden, wo er Desinfektionsmittel trinkt, weil er kein Geld mehr hat.

Zum anderen gibt es die, die seit Jahren trinken, jeden Tag, die die Menge begrenzen können, aber keinen Tag ohne Alkohol schaffen. Menschen allen Alters, oft haben sie einen Job, ein Leben, aber sie trinken zu viel, und der Körper nimmt Schaden, die Leber, die Bauchspeicheldrüse. Manche trinken sich langsam zu Tode, bei manchen eskaliert der Konsum. Es gibt auch viele, die einen Entzug schaffen, aber die treffe ich nicht. Ich sehe nur die Ruinen, die übrig bleiben, die Kinder, die mit Alkoholikern aufwachsen, diese stillen Kinder, die alles schon gesehen haben, die schon mit fünf Jahren den Notruf wählen können. Ich sehe Partner, die unendlich leiden, die still und beschämt dasitzen und Taschentücher in den Händen drehen. Die Geschichten, die ich höre, sind fürchterlich, handeln von Einsamkeit, sozialem Stigma, Scham, Wut, Hoffnung und Verzweiflung. Ich sehe Eltern, die ihre Kinder an den Alkohol verloren haben und sie überleben werden. Das Herz tut einem weh bei diesen Erzählungen, man nickt, hört zu, holt neue Taschentücher, das Leid ist unendlich. Es macht einen traurig und gleichzeitig demütig – ich denke, niemand hat als Ziel, Alkoholiker zu werden. Es ist eine Krankheit, und manche schaffen es nicht. Die Umstände ändern sich, manche Traumata sind zu groß, verletzen zu tief, manche schaffen es nicht. Und es begräbt ganze Familien und lässt nur Ruinen zurück.

(…)

Bedenkt auch, dass ihr Wasser habt und Brot
Dass Unglück auf der Straße droht
Für die, die weder Tisch noch Stühle haben
Und mit der Not die Tugend auch begraben!

Bedenkt, dass mancher sich betrinkt
Weil ihm das Leben nicht gelingt
Dass mancher lacht, weil er nicht weinen kann
Dem einen sieht man’s an, dem andern nicht!

(…)

Hanns Dieter Hüsch