The good fight

Spätschicht, im Saal 1 verlegen sie einen Patienten auf einen Überwachungsplatz, ein 60 Jahre alter Mann mit Herzstillstand ist auf dem Weg in die Angiographie, vom Notarzt intubiert, ein massiver Herzinfarkt, laufende Kompressionen mit dem Lucas, kein tragender Rhythmus. Ich gehe nach oben in die Angiographie, bereite vor, die Sanitäter kommen, Björn, Einar, Jan. Kein tragender Rhythmus, der Lucas komprimiert. Das Angiographiepersonal trifft ein, der Operateur, wir ziehen den Patienten unter laufenden Kompressionen auf den Tisch. Venöse Zugänge? Nur einer? Nein, noch einer im Hals. Adrenalininjektion, Defibrillationen. Seit 25 Minuten kein Rhythmus, aber der Lucas gibt uns die Möglichkeit, die Ursache des Herzstillstandes zu lösen, wir kaufen Zeit mit laufenden Kompressionen. Ein arterieller Zugang, ein Blutgas zeigt ein Laktat von 16 mmil/l, das ist viel. 

Das Team ist alles in diesen Augenblicken. Heute sind hier die Meister, die Situation ist so akut und so lebensbedrohlich, wie es nur möglich ist, aber manchmal hat man das absolute Privileg, mit einem Team der Besten arbeiten zu dürfen, das schon in so vielen solchen Situationen gestanden hat, dass hier nur noch eine gelassene, scharfsichtige Konzentration im Saal ist, keine Hektik, kein aufgeregtes Schreien, kein Stress. Wir kennen uns alle, kommunizieren, nicken, helfen einander. Es ist eng, das Röntgenrohr bewegt sich um den Patienten, die Bildschirme, auf denen die Kranzgefäße abgebildet werden, versperren uns teilweise den Zugang zum Patienten, hinter uns steht der Notfallwagen, der Medikamentenwagen, der Ultraschallapparat. Wir laufen ständig umeinander herum, tragen Bleischürzen, es ist warm im Saal. Adrenalin, Defibrillation, Rhythmuskontrolle.

Massive Okklusion in der LCA, Sascha, der Operateur, ist wahnsinnig schnell, ein Blick auf den Schirm, die Diagnose ist gestellt, die Hände fliegen, wir machen hier nur Maintenance, die Lösung des Problems ist, die Okklusion zu eröffnen, um die Blutversorgung des Herzens wieder zu ermöglichen. Ich ziehe Adrenalinampullen auf, habe meine eigene Ordnung auf meinem Arbeitstisch, alle Spritzen, die rechts auf der Kante liegen, sind Adrenalininjektionen, links habe ich Magnesiumampullen, da ist Amiodaron, bringt mir nichts durcheinander, Jungs, ich mache das mit den Medikamenten, Jan steht mit dem Protokoll am Defibrillator, Björn hat die Leitung, Tribonat, wir müssen das saure Blut neutralisieren. Die Okklusion teilweise geöffnet, Rhythmuskontrolle, wir haben einen Rhythmus, Sinustachykardie, irgendein Block, der Blutdruck liegt tief, aber wir haben einen tragenden Rhythmus, Noradrenalin, schwierig, die Sauerstoffkonzentration im Blut zu messen, die Finger des Patienten sind eiskalt. Wir schalten den Lucas ab, lassen ihn aber aufgespannt sitzen, alles ist instabil. Die Entscheidung ist richtig, nach 3-4 Minuten Ventrikeltachykardie, der Blutdruck fällt auf 30/15, Lucas wieder an, wir nehmen wieder unsere Positionen ein, ich spritze die Medikamente, Jan defibrilliert, Björn hat die Leitung. Nach 15 Minuten wieder ein tragender Rhythmus. Ich muss auf die Toilette, weise an, hier liegt das und das, ich MUSS auf die Toilette, okay?

Caroline ruft von der Intensiv an – ob ich Hilfe brauche? Ein Blick durch den Saal – nein, eigentlich nicht wir funktionieren zusammen, außerdem macht Caroline mich nur nervös. Wenn sie kommt, dann steht sie nur in der Mitte, kaut auf dem Bügel ihrer Brille und hat ständig irgendwelche umständlichen Einwände mit ihrer Nölstimme. Lieber nicht.

Nach zwei Stunden Ventikelflimmern, Björn ruft im ECMO-Zentrum an, wir verlieren diesen Kampf, können nicht stabilisieren, wir springen ständig zwischen tragendem Rhythmus und Herzstillstand hin und her, das Gefäß ist geöffnet, das Herz geschädigt. Das ECMO-Team macht sich auf den Weg, ich bestelle Blut, 4+4+1, das bedeutet vier Einheiten Erythrozytkonzentrat, vier Einheiten Plasma und eine Einheit Thrombozyten, wir legen einen arteriellen Zugang auf dem Fußrücken, einen venösen Zugang in der linken Leiste. Das Blut trifft ein, als ich die Erythrozyten aus der Tüte hebe, ist das ein Blutbad, und ich habe keine Handschuhe an – eine Einheit leckt und Blut ist überall, auf meinem Tisch, ich habe die Hände voller Blut, das habe ich noch nie gesehen, Björn erschrickt und glaubt, ich hätte mich verletzt, nein, halt die Tüte auf, damit ich diese ganze Katastrophe wegschmeißen kann. Ich wasche mir die Hände, bestelle mehr Blut, das ECMO-Team trifft ein, mit der gesamten Ausrüstung, Bahre, Rollkoffer, das Operationsteam mit Körben, der Gefäßchirurg. Ich fange an zu transfundieren, das ECMO-Team primt die Maschine, der Gefäßchirurg öffnet die Leiste, ligiert und kanüliert – plötzlich der dringende Ruf „schneller mit den Transfusionen“, ich hänge Einheiten, telefoniere nach mehr Blut, der ECMO-Arzt zieht sich sterile Handschuhe an, ist plötzlich auch mit im sterilen Feld, ich habe keine Zeit, mich darum zu kümmern, ich prüfen den letzten Calciumwert, transfundiere, kopple, Björn schreit „Elina, schneller!“ und dann plötzlich „Transfusionen abbrechen“.

Ich halte inne, sehe hoch, Björn wendet sich ab, der Chirurg und ECMO-Arzt treten zurück, Einar schaltet den Lucas ab. Ich hab keine Ahnung, was gerade passiert ist, aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt zu fragen, der Patient hat keinen messbaren Blutdruck mehr, drei Stunden und 15 Minuten, seitdem wir angefangen haben. Das Team steht im Flur vor dem Saal, wir fangen an, die Kanülen zu ziehen, waschen das Blut ab. Der Saal zieht aus wie ein Schlachtfeld, nicht zuletzt mein Arbeitstisch, auf dem noch immer das Blut der geplatzten Einheit trocknet.

Björn kommt mit einem Glas Wasser und zwei Keksen zu mir, legt mir die Hand auf den Arm, ich ziehe die Handschuhe aus, desinfiziere meine Hände, trinke durstig, gute Arbeit, wir lächeln uns an, der Kampf war lang, die Hochachtung vor der Arbeit des anderen in diesen Augenblicken, wir stehen neben dem toten Mann und verstehe, dass das makaber ist, wir essen beide einen Keks, stehen voreinander, ich frage leise, was gerade passiert ist, und Björn wirft irritiert die Hand hoch: Der Gefäßchirurg hat die Kanüle zwischen die Gefäßwände der Arteria femoralis geschoben, statt in das Lumen des Gefäßes, und hat das Gefäß gesprengt. Irreparabel unter diesen Umständen, der Patient blutet aus.

Ich sage nichts – ich verstehe Björns Frustration, wir waren so dicht dran, sahen schon die Ziellinie, und dann ein Fehler. Es wird nicht Unachtsamkeit gewesen sein in dieser Lage, das ist eine echte Komplikation, in einer lebensbedrohlichen Lage, wo nichts ohne Risiko ist. Ich weiß, dass Björn, dieser Perfektionist, so etwas kaum erträgt, und vor uns liegt ein toter Mann. Wir sind beide enttäuscht, das sind die Fälle, wo die Silbermedaille nichts wert ist, entweder gewinnt man oder es war alles vergebens.

Oder auch nicht. Es liegt auch ein Wert in der Arbeit, die wir geleistet haben, darin, dass wir versucht haben, diesem Mann alle Chancen zu geben. Das ist der einzige Trost in dieser Enttäuschung.