Una mattina

Den Rest von Andreas‘ Geschichte bin ich schuldig geblieben. Es war kein Happy End – das wussten wir ja.

Am Tag nach der letzten Zusammenkunft das Gespräch, zu dem die ganze Familie versammelt wird – Andreas’ Frau, seine Schwester, seine Kinder. Ich habe eine Dolmetscherin ausfindig gemacht, die Tagalog beherrscht, leider nur über Telefon. Das sind immer schwierige Gespräche, der Inhalt, und dann die Herausforderung, das zu übersetzen.

Bastian und ich sitzen nebeneinander. Die Stimmung ist gedrückt. Die Familie hat in den letzten Tagen so viele harte Befunde gehört. Bastian fängt an, das Geschehene zusammenzufassen, das Gespräch geht langsam, stockend, die Übersetzung läuft über den Lautsprecher des Telefons. Die Befunde, der Tumor, die extreme Metastasierung. Dann die Bescheide des Tages, die Onkologen lehnen ab. Es gibt keine Behandlung, für die Andreas in Frage kommt, es gibt keine ethisch vertretbare Behandlungsalternative.

Andreas’ Frau schluchzt auf. Ich denke, sie hat bis zum Schluss noch gehofft, dass wir eine Möglichkeit finden. Sie stellt Fragen, hart, laut, die Dolmetscherin versucht zu übersetzen und bricht plötzlich selber in Tränen aus, versucht sich zu entschuldigen, selbst die Dolmetscherin ist zutiefst betroffen in diesem Gespräch, berührt von diesem Schicksal.

Wir erklären, dass wir Andreas von diesem Zeitpunkt an nur noch Linderung anbieten können, und dass es jetzt an der Zeit ist, die intensivmedizinische Behandlung abzuschließen. Andreas noch weiter dieser Behandlung auszusetzen, ist nicht vertretbar. Er wird sterben. Wir müssen das nicht unmittelbar tun, falls die Familie noch etwas Zeit braucht, aber spätestens morgen.

Andreas’ Kinder scheinen sich mit der Situation zurechtzufinden, auch seine Schwester. Das, was so schwierig zu begreifen ist im ersten Moment, im Augenblick des Schocks, der Hoffnung, der Verzweiflung, rückt sich meistens nach ein paar Tagen zurecht, viele Familien brauchen einfach Zeit, um die mit dem Geschehenen zu arrangieren. Sie wollen auf keinen Fall, dass er leiden muss.  Andreas’ Schwester sagt zögernd, vielleicht passiert ja auch alles aus einem Grund, vielleicht gab es einen Grund dafür, dass er jetzt diese schwere Sepsis bekam – damit er jetzt sterben kann und ihm das schlimmste Leid erspart bleibt.

Selber tue ich mir mit solchen Gedanken immer schwer – aber ich weiß auch, dass ein solcher Gedankengang einer Familie in diesen schweren Stunden helfen kann. Meine Gedanken spielen da keine Rolle, ich versuche nur die Familie darin zu unterstützen, sich mit diesem Verlust zu arrangieren.

Die Familie einigt sich nach einer Stunde Gespräch darauf, jetzt noch ein bisschen Zeit mit Andreas zu verbringen, dann nach Hause zu fahren, zu essen und zu schlafen, und morgen früh brechen wir die Behandlung ab.

Im Zimmer die Frage, ob sie ein Lied spielen dürfen – selbstverständlich. Andreas’ Tochter nimmt ihr Telefon aus der Tasche, stellt es auf den Tisch. Das war das Lieblingslied ihres Vaters. Sie spielen es wieder und wieder, ich kenne die Melodie. Es ist wirklich die Stunde des Abschiedes, nur Andreas’ Frau schafft es nicht ganz. Sie ist ganz aufgelöst, wie denn auch nicht, von allem, was in den letzten Tagen passiert ist, sind wahrscheinlich nur Bruchstücke zu ihr vorgedrungen, heute hat sie zum ersten Mal alles verstanden, und die Befunde waren katastrophal.

Sie spielen das Lied wieder und wieder, die Stunden vergehen. Gegen 18:00 sehen wir auf dem Monitor, dass das EKG sich verändert, die T-Wellen werden spitzig.  Das bedeutet, dass der Kaliumgehalt im Blut kräftig ansteigt, Andreas’ Nieren schaffen es nicht mehr, versagen jetzt total. Das einzige, was hier helfen könnte, wäre die Dialyse, und die kam nie in Frage. Das arterielle Blutgas zeigt um 19:00 einen Kaliumwert von 7,4 mmol/l, das ist hoch.

Wir sprechen wieder mit der Familie, erklären, dass Andreas die Nacht nicht überleben wird. Nach kurzer Zeit der Beratung sind sich seine Kinder einig, sie wollen jetzt abschließen. Seine Schwester stimmt weinend zu. Andreas’ Ehefrau ist wie erstarrt. Alle sind erschöpft. Um 19:30 ziehen wir den Tubus. Andreas stirbt acht Minuten später, zu seinem Lieblingslied: