Unnatürliche Todesfälle

Es ist immer unbehaglich, wenn man beruflich in einen Fall verwickelt wird, der eine polizeiliche Untersuchung nach sich zieht. Immer mal wieder gibt es den „unnatürlichen Todesfall zuhause“, bei dem eine Frau unter unklaren Umständen zuhaue stirbt, einen Herzstillstand erleidet und dann bei uns landet. Die Umstände können so absurd und verdächtig sein, dass die Polizei involviert wird und eine gerichtsmedizinische Obduktion veranlasst wird.

Dann wird man verhört, denn bei Strafsätzen über zwei Jahren Gefängnis ist die Schweigepflicht aufgehoben. Ich habe bisher nur ungeheuer professionelle, seriöse,  und freundliche Polizisten getroffen, die sich alle Mühe geben, die Situation zu entschärfen und gleichzeitig sehr sorgfältig alle Fakten sammeln, genau zu präzisieren, nachfragen – was genau hat der Ehemann gesagt? Worauf hast du reagiert? Ist das ungewöhnlich? Das muss exakt sein, in einem eventuellen Gerichtsfall dürfen keine Unklarheiten bestehen.

Bei einer gerichtsmedizinischen Untersuchung ist das oberste Gebot, dass keine Beweise zerstört werden dürfen. Wir dürfen die Leiche nicht waschen, nicht herrichten, kein Pflaster, keinen Schlauch oder Tubus entfernen, und die Hände, die Fingerspitzen so wenig wie möglich berühren. Unter den Nägeln können Haut, Blut gefunden werden. Es ist eine ganz besondere Atmosphäre bei einen solchen Fall – der Kummer des Personals, das Bedauern aller Betroffenen, es reicht nicht, dass jemand gestorben ist, der Verdacht auf Mord oder Totschlag besteht.

Wirklich entsetzt war ich, alle eine Kollegin meinte, ich hätte doch auch das Recht, die Aussage zu verweigern, wenn mir das zu unbehaglich sei – ich musste wirklich tief Atem holen: “Das Unbehagliche ist in diesem Fall nicht mir passiert.“