Urteile nicht zu schnell

Die Patientin, 52 Jahre alt, ist nach einem Krampfanfall zuhause zu uns gekommen. Die ganze Anamnese zweifelhaft, die Patientin leidet seit Jahren unter Panikattacken, ist sehr intensiv, forciert, alles deutet auf Funktionalität hin.

Funktionelle, dissoziative oder auch psychogene Krampfanfälle – so schwer zu definieren, sie unterscheiden sich für’s Auge nicht von genuinen epileptischen Anfällen, werden aber nicht von epileptischer Aktivität im Gehirn ausgelöst, sondern sind eine unbewusste Reaktion auf überwältigende emotionale Belastungen. Es ist keine Simulation, sondern ein körperlicher Ausdruck von emotionalem Stress. Es treten jedoch selten Verletzungen auf, bei epileptischen Anfällen beissen sich viele Betroffene auf die Zunge, was bei funktionellen Anfällen äusserst selten passiert.

Die Frau vor uns hat keine solchen Verletzungen, und ihr ganzer Redefluss zeugt von Stress, von generalisierten Angststörungen, von – ja, von Funktionalität. Wir warten auf das CT des Schädels, sprechen aber schon davon, dass sie danach ausgeschrieben werden kann, dass war aller Wahrscheinlichkeit nach funktionell. Wir lassen uns von früheren Erfahrungen leiten.

Das CT des Schädels kommt zurück – 11 Metastasen im Gehirn, von Ödem umgeben (!). Damit ändert sich alles, statt Funktionalität haben wir einen metastasierten Krebs vor uns, eine genuine Epilepsia tarda, eine späte Epilepsie, von wachsenden Metastasen und steigendem Druck im Gehirn ausgelöst. Irgendwo sitzt der sogenannte Primärtumor, der jetzt metastasiert hat, bei einer Frau in diesem Alter und Gehirnmetastasen liegt Brustkrebs nahe.

Verlegung in die Onkologie, und Nils und ich sitzen im Personalzimmer, das ist so ein Fall, über den wir sprechen wollen, eine gute Gelegenheit, uns selber, unsere Erfahrungen und daraus resultierenden Gedankengänge in Frage zu stellen. Man lernt immer aus schwierigen Fällen. Wir waren so sicher, dass das ein funktioneller Krampfanfall war, und hatten unsere Diagnose schon gestellt. So kann man sich irren. Die Frau ist todkrank. Wir sprechen darüber, inwieweit es falsch ist, sich von früheren Erfahrungen leiten zu lassen, und ob man es überhaupt vermeiden kann.

Ich hab immer Glück – ich treffe immer, in jedem Job, auf jemanden, mit dem ich solche Gespräche führen kann, mit dem ich Theorien testen und Fragen hin- und Herdrehen kann, und der mir die Chance gibt, zu wachsen und nicht stehenzubleiben.

Unser Schluss war: Ja, wir haben eine vorschnelle Diagnose gestellt, aber die wäre nur dann richtig falsch gewesen, wenn wir vom „Golden Standard“ abgewichen wären und das CT nicht gemacht hätten, was uns niemals eingefallen wäre. Insofern: alles noch okay.