Verbrannt

Ich war eine Zeit lang in Übersee tätig. Ich habe kürzlich einen Brandverletzten erwähnt, bei dessen Anblick ich fast ohnmächtig wurde. Ich warne alle Leser – das ist nichts für zarte Gemüter.

Er war mein erster richtig brandverletzter Patient – und wenn ich brandverletzt sage, dann meine ich BRAND. Mit Großbuchstaben. In Europa sehen wir äußerst selten solche Patienten, ich habe noch keinen solchen hier gesehen. 

Die Tragik liegt darin, dass es meistens sehr junge Männer sind, die in diesem Zustand kommen, Feuerwehrmänner, stark, mutig, kräftig, die in einem Inferno gefangen wurden, der Wind dreht, das Feuer ändert die Richtung, und auf einmal wird ein Einzelner von einer Wand überrollt. Das ist Feuer, wie wir es hier nicht kennen – ich habe es einmal, auf mehrere Kilometer Abstand, zu Pferde gesehen, wie eine solche Feuerwand rollt, wie rasend schnell das verläuft, und ich habe oft genug die Ascheflocken im Gesicht und auf der Kleidung gehabt, die der Wind kilometerweit trägt, und habe die schwarz verbrannte Erde, die Reste der Bäume, der Pflanzen gesehen.

Sie sind zu Kohle verbrannt, wenn sie, manchmal nach Stunden, endlich mit dem Helikopter kommen, das große Land, die weiten Abstände, die zeitaufwändigen Rettungsarbeiten. Nur die Form erinnert an einen Menschen, sonst nichts. Sie sind immer jung, so jung.

Mein erster – den holte ich auf dem Dach, ich wurde kurz ohnmächtig, wurde kurz mit der Bahre mitgezogen und kam wieder auf die Füße. Und dann folgte der lange Nachmittag in diesem Einzelzimmer auf der Intensivstation, eines der Zimmer, die heizbar sind, denn Brandverletzte verlieren Körperwärme, also müssen wir heizen. Die Verbrennungen betrafen über 90% Prozent der Körperfläche, womit die Überlebenschance quasi auf null stand, ich erinnere mich an die Chirurgen, die versuchen, etwas gegen das drohende Kompartmentsyndrom zu unternehmen, mit Methoden, die ich hier gar nicht beschreiben mag. Ich stehe in diesem viel zu warmen Zimmer und spritze Schmerzmittel, viel, immer noch mehr, und Chefarzt Darren sagt, „gib ihm mehr, gib ihm alles was du hast, halt ihn nur wach, bis die Eltern kommen, wir wollen noch nicht intubieren“, und ich spritze mehr und mehr, und ständig sehen mich die blauen Augen, die kein Augenlid, keine Wimpern mehr haben, an. Ein Student fängt an zu würgen, „ich muss mich übergeben“, und ich rufe, „untersteh dich“, nicht in diesem überhitzten Zimmer, und stoße einen Abfalleimer in seine Richtung. Die Sauerstoffsättigung sinkt, ich laufe, um eine Hochkonzentrationsmaske zu holen, stehe im Lager, reiße wild an allen Schubladen, sehe nichts mehr vor Tränen in den Augen, halte inne – ich weiß nicht, wie ich das machen soll, ich kann das nicht, ich bin für so was nicht gemacht – und Darren steht neben mir, legt seine Hand auf meinen Arm, und ich sage wild, „Ich suche nur nach einer Hochkonzentrationsmaske“ und er sagt leise, „ich helf dir suchen“, ich finde die Schublade, die Maske, wir sehen einander kurz an und gehen zurück… Er gab mir so viel Mut in diesem Augenblick, so viel Vertrauen in mich selber, er zweifelte nicht daran, dass ich das kann, und räumte damit bei mir die Zweifel aus.

Es hält nicht, er kann nicht mehr, die Anstrengung der Atmung wird zu groß, er kämpft um jeden Atemzug, kriegt nicht genug Sauerstoff – wir müssen intubieren, in diesem Fall, wo man nur hofft, dass die Eltern schnell genug kommen, dass sie noch einmal mit ihrem Sohn reden können, denn er wird nicht überleben. Aber es geht nicht mehr, wir bereiten alles vor, wir erklären ihm, dass er jetzt einschlafen wird und ihm eine Maschine beim Atmen hilft, und ich sehe immer nur die blauen, lidlosen Augen, ich nehme seine schwarze Hand, er ist wirklich am Ende seiner Kräfte, er kann nicht mehr, und er keucht „Ich hab Angst“, und ich stehe neben ihm, halte die schwarze Hand, wahrscheinlich spürt er es nicht, alle Nerven sind verbrannt, und er will noch was sagen, die Tränen rinnen, es ist ihm wichtig, ich beuge mich vor, und er stößt atemlos heraus: „Bitte, sag meiner Mutter… sag meiner Mutter…“  Und ich halte seine Hand und sage besänftigend „ich weiß, ich sag es ihr, mach dir keine Sorgen, ich sag es ihr, ich sag es ihr, alles wird gut“. Und er sinkt weg, schläft ein, wir intubieren… und er stirbt einen Tag später.

Aber ich habe seiner Mutter alles gesagt, was er ihr glaube ich hatte sagen wollen.