Vom Umgang mit dem Tod

Immer mal wieder bin ich erstaunt über Familien, die sich dem Tod überhaupt nicht nähern können. Ich verstehe sehr gut den Schock und die Machtlosigkeit, trotzdem traf ich am Wochenende auf eine Familie, die ich nur schwer verstehen konnte.

Gernot war 78 Jahre alt, 1996 wegen Tonsillenkrebs operiert, mit Zytostatika behandelt und bestrahlt. 2005 kam die Diagnose Prostatakrebs und 2014 Epipharynxkrebs. Operationen, Bestrahlungen, hohe Dosen Zytostatika, Komplikationen. Er wurde durch einen PEG, einen Magenzugang durch die Bauchdecke, ernährt, schlucken konnte er nach den vielen Eingriffen im Rachenraum nicht mehr. Im Januar dieses Jahres die Notkoniotomie, als er wegen Komplikationen in der HNO in der Uniklinik lag, der lebensrettende Schnitt durch den Hals in die Luftröhre, um dort eine Kanüle anzubringen und die Luftzufuhr zu sichern. Seitdem war Gernot tracheotomiert. Am Samstagnachmittag plötzlich die Blutung aus dem Mund, dem Tracheostoma, eine massive Blutung, als der Notarztwagen bei Gernot eintraf, erlitt er einen Herzstillstand wegen des hohen Blutverlustes. 20 Minuten Wiederbelebungsmaßnahmen unter Transfusionen, bis ein lebensgebender Rhythmus erreicht wurde.

Als ich zur Nachtschicht komme, arbeitet das Team immer noch fieberhaft – Koagulationsfaktoren, Blut, Plasma, Thrombozyten werden transfundiert, Calcium gespritzt, Gernot blutet noch immer aus Mund, Nase, Tracheostoma, die Magenschleimhaut blutet, der Darm. Die Leber versagt, das Laktat, die Milchsäure kann nicht abgebaut werden, der pH-Wert sinkt. Die Nieren sind außer Gefecht, der Kaliumgehalt im Blut steigt. Um den Blutdruck halten zu können, müssen wir ständig den Infusionstakt des Noradrenalins erhöhen.

Die Nacht ist ein Balanceakt. Ich komme nicht mal dazu, einen Kaffee zu trinken, Gernot braucht meine gesamte Aufmerksamkeit und Konzentration. Das ist selbst für mich ein schwieriger Patient, alle Systeme müssen ständig überwacht und justiert werden, alles muss synchronisiert werden, nichts darf übersehen werden.

Gernot wird das nicht schaffen. Es fing mit der Blutung im Rachen an, nach dem Blutverlust, der zum Herzstillstand führte, brachen aber auch alle anderen Systeme seines Körpers zusammen. Wir verlieren diesen Kampf, alles ist derangiert, nichts funktioniert. Gernot ist von Krankheit gezeichnet, der Hals bläulich verfärbt von der Bestrahlung, das Gewebe ganz hart, wenn man es anfasst. Alles läuft langsam aus dem Ruder.

Am nächsten Abend erfahre ich, dass die HNO weitere Behandlungen abgelehnt hat. Gernot blutet noch immer, das Laktat steigt, der Kaliumgehalt im Blut auch.

Gernot und seine Frau haben vier Kinder, drei Töchter und einen Sohn. Norbert und ich setzen uns gegen 22 Uhr mit der Familie zusammen – Gernot schafft es nicht, wir können nichts mehr tun. Wir erklären, dass wir die Blutungen nicht stoppen können, dass Gernots Körper schwer unter den Behandlungen gelitten hat, dass die Leber versagt, die Nieren. Und dass er vermutlich einen schweren Gehirnschaden erlitten hat.

Wie gesagt, ich verstehe den Schock in einer solchen Stunde, die Verzweiflung, und auch, dass man Sachen sagt, die unüberlegt sind. Aber während Gernots Frau verlangt zu wissen, ob und, wenn ja, wem ein Behandlungsfehler passiert ist, und Gernots jüngste Tochter hysterisch schreit und ein „Wunder“ verlangt (?!?), und die Fragen hageln – Nierentransplantation? Lebertransplantation? Verlegung in die Uniklinik? Second opinion? Ein Spezialist? – frage ich mich nur, wie man es vermeiden kann, sich in 22 Jahren voller schwerer Diagnosen und harter Behandlungen mit dem Tod auseinanderzusetzen und sich dem Gedanken zu nähern, dass Gernots Leben nicht ewig dauern kann?

Gernots jüngste Tochter ist wirklich völlig hysterisch, rennt im Flur auf und ab und ruft ständig nur, dass ihr Vater doch völlig gesund war, dass er stark sei – und ich schüttele still den Kopf. Nein, er war nicht gesund. Er war schwerkrank, er hatte drei Krebsdiagnosen. Die Familie ist aufgelöst, steht im Flur, diskutiert und gestikuliert, spricht von der Möglichkeit eines Wunders, von mehr Behandlungen. Das Wunder – das ist doch schon längst passiert, denke ich, ihr hattet noch 22 Jahre mit ihm, das ist doch ein Geschenk, er hätte schon 1996 sterben können. Er hat noch 22 Jahre leben dürfen, seine Enkelkinder aufwachsen sehen. Ihr hattet euer Wunder schon. Jetzt liegt er im Sterben, er lebt nur noch, weil wir ihn beatmen und seinen Blutdruck künstlich aufrechterhalten, und weil wir der Meinung sind, dass Gernot keine Chancen mehr hat, möchten wir die Behandlung abbrechen, die Dosis des Noradrenalins senken, damit Gernot sterben darf. Wir tun ihm nur noch weh, wir schänden nur einen Körper. Gernot ist schon gegangen.

Diese Familie zu unterstützen ist unendlich schwer – ich dringe nicht durch zu ihnen, sie sind noch nicht mal zugänglich dafür, dass sie jetzt vielleicht lieber die Zeit mit Gernot verbringen sollten, die letzten Stunden mit ihm nutzen, bei ihm sitzen, seine Hand halten sollten, als jetzt zu googeln, ob es vielleicht noch einen Spezialisten auf dieser Welt geben könnte, der ihm noch helfen kann, und zu überlegen, ob hier jemand einen Behandlungsfehler gemacht hat. Dass sie vielleicht einfach dankbar sein könnte, dass Gernot noch so lange bei ihnen sein durfte. Nein – keiner will im Zimmer sein, ich höre immer nur, dass sie „noch nicht dazu bereit sind“. Mag sein, es passiert trotzdem jetzt, Gernot kann nicht mehr. Wer ist dafür jemals schon wirklich bereit?

Marie und ich sind bei Gernot, als sein Herz bei einem Blutdruck von 35/20 in die Asystolie umschlägt. Die Familie steht noch immer im Flur.

In diesen Augenblicken muss ich immer an die alte Dame denken, die bei uns starb und deren Tochter die Gabe hatte, ihre eigenen Gefühle und ihre Trauer hintenan zu stellen, zumindest eine Weile, und die bei ihrer immer müderen Mutter saß, ihre Hand hielt und von vergangenen Sommern erzählte, mit ruhiger Stimme, „erinnerst du dich an das Ferienhaus auf der Insel, und an…“ und Bilder heraufbeschwören konnte, Erinnerungen, die ruhige Stimmung in diesem Zimmer, und deren Mutter zu den schönsten Erinnerungen einschlafen durfte.