Von der Ohnmacht

Der Job ist hart, keine Frage, und manchmal wird man in diesem Beruf mit etwas konfrontiert, das man sich nie hätte erwarten können. Bei uns kippt also ab und zu mal jemand um. Besonders, wenn man neu ist in dem Gewerbe…

Die Studentin, an ihrem allerersten Tag, die so gespannt war auf ihren ersten Kaiserschnitt, die mit leuchtenden Augen dastand – bis zum Hautschnitt. Da sank sie in sich zusammen, als hätte jemand der Marionette die Fäden durchgeschnitten, und wachte auf dem Boden umringt von einer Anzahl Anästhesisten auf…

Der Chirurg, der schon die ganze Nacht operierte, noch eine Blinddarmentzündung, alles ist bereit, er ist schon steril gekleidet, steht an der Seite des Patientens, die OP-Schwester hantiert mit ihren Körben, ich schreibe noch etwas auf der Kurve, und sage abwesend “ihr könnt schon anfangen”und hebe den Blick, weil auf der anderen Seite des Narkosebogens absolut nichts passiert – wo ist denn der Chirurg? Eben war er noch da? Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, schaue über den Bogen – oh je, da liegt er! – und laufe eilig um den Anästhesieapparat herum, Sauerstoff, wo ist der Sauerstoff? Wie soll ich das jetzt machen, der Patient kriegt ja den Sauerstoff, ging mir durch den Kopf…

Der Student, der unserem diensthabenden Arzt folgt, es ist ein hektischer Abend, wir legen einen zentralen Zugang in die Halsvene, danach kann der diensthabende Arzt seinen Studenten nicht mehr finden, reisst die Tür zum Personalzimmer auf – da steht er am Waschbecken und füllt ein Glas Wasser, und in der Eile ruft unser Arzt “wir müssen in die Notaufnahme, du hast jetzt keine Zeit, Wasser zu trinken” und der Student klappt zusammen. Als er kurz darauf wieder erwacht, murmelt er verlegen “da war so viel Blut…”

Die Studentin in der Neurochirurgie, die voller Begeisterung zu uns kam und während der Intubation bleich wurde und nach draussen wankte – na ja, was sollen wir schon machen? Dann kam die OP-Schwester und meldete, eure Studentin liegt draußen auf dem Sofa… wir sehen uns fragend an, so schlimm ist eine Intubation auch wieder nicht, war der bewusst, dass hier als nächstes der Schädel aufgesägt wird in der Neurochirurgie?

Ich hab eigentlich einen ganz guten Magen bei solchen Dingen, aber selbst wurde mir zweimal unter meiner Karriere ganz schwach, auch als Rookie, als ich gerade auf der Intensivstation angefangen hatte. Beim ersten Mal arbeitete ich die Nachtschicht und wir verbanden ein Bein nach einer Fasziotomie, das bedeutet, dass die Haut und das Unterhautgewebe aufgeschnitten wurde, um den steigenden Druck in den Muskeln zu entlasten. Von diesem Patient ist mir nur noch dieses Bein in Erinnerung geblieben, und ich weiss noch, dass ich dastand und das Bein hielt, alles freigelegt, Muskeln, Sehnen, Blutgefäße, Nerven – mir wurde ganz anders, und ich sagte “ich muss mich hinsetzen” und saß auf einem Stuhl, während Kollegen mir Eiswasser holten.

Das andere Mal – da kam ein Feuerwehrmann zu uns, vom Brand gefangen, mein erster richtiger Brandverletzter, den wir auf dem Dach auf der Helikopterplatte entgegen nahmen, und nichts, wirklich nichts, hätte mich auf den Anblick vorbereiten können, der sich mir da bot – da wurde ein kohlschwarz verbrannter Mann ausgeladen, und aus all diesem Schwarz leuchteten zwei blaue Augen. Das Dach begann sich zu drehen, und ich hielt mich an der Bahre fest, wurde kurz mitgezogen und kam dann wieder auf die Füsse und rannte mit…