Von der Schwester zum Patienten…

Eines war immer die absolute Regel in allen Krankenhäusern, in denen ich gearbeitet habe – wenn es einen von uns trifft, dann sind wir alle zur Stelle!

Der Lastwagen kam von links, von der Materialanlieferung, als ich gerade am Freitagnachmittag mit dem Fahrrad nach Hause wollte. Ich kam von rechts, aus der Auffahrt, schaute in eine andere Richtung, zur Notaufnahme hin, dachte an was anderes, es ist Freitagnachmittag, er fuhr wohl auch zu schnell und ich denke, er hat mich nicht gesehen. Ich hab ihn auch nicht gesehen, so irre das auch klingen mag. Die Vollbremsung im Schreck, er ist genau vor mir, das Fahrrad gehört meiner Freundin, ich hab nicht damit gerechnet, dass die Bremsen so zuschlagen, und fliege, mit dem Fahrrad, unter dem Fahrrad, schlage an den Lastwagen, krache auf dem Asphalt.

Benommen setze ich mich auf, halte immer noch das Fahrrad fest, der Lastwagen hat mich wirklich nie gesehen, fährt weiter. Zwei Frauen kommen auf mich zugelaufen, eine nimmt das Fahrrad, die andere hilft mir auf. Wie immer, der Schreck, die Verlegenheit in diesem Augenblick, schnell aufstehen, so tun, als ob nichts wäre, ich bin okay, nein, ist in Ordnung, danke für die Hilfe. Wie doof, eigentlich.

Ich halte mich noch immer am Fahrrad fest, mein Ellenbogen tut weh, mein linkes Knie, meine linke Seite, mein rechter Oberschenkel. Der Helm sitzt schief. Es dauert ein paar Sekunden, bis mir aufgeht, ich bin wirklich verletzt. Blut läuft mir über die Hand, sickert am Knie durch den Stoff der Hose. Ich blute aus der Nase und humpele mit dem Fahrrad zurück, schließe es am Fahrradständer ab. Mein Knie tut weh, richtig weh. Ich humpele an der Notaufnahme vorbei, warum eigentlich, aber mein ganzer Kopf ist auf einen einzigen Platz gerichtet: die Intensivstation. Da kenne ich alle, da ist meine Sicherheit durch all die Freundschaften, die ich über die Jahre geschlossen habe. Da sind die Menschen, denen ich am meisten vertraue.

Mein Telefon, schnell, blutige Finger, Matthias, wo bist du? Matthias? Die Signale gehen, Matthias scheint nicht da zu sein. Ich humpele auf die Intensivstation, wo sind alle Leute, im Ärztezimmer ein junger Mann, den ich nicht kenne, ich arbeite hier ja nicht mehr, kenne nicht mehr alle, ist Matthias hier? Nein, wer dann? Björn ist hier. Meine Hände zittern, ich wische mir das Blut aus dem Gesicht, setze mich. Alex, der junge Arzt, reicht mir ein Taschentuch, telefoniert. Was für ein erster Eindruck…

Björn kommt. Immer gelassen, ruhig, was ist passiert? Wo tut es weh, hattest du einen Helm auf? Wo am Kopf? Tut das weh? Der Hals, die Wirbelsäule? Die Nase? Der Ellenbogen? Es blutet, Britta holt Kompressen, Tetanus? Ich versuche mich zu erinnern, vor fünf Jahren ein Booster. Knie? Ich zittere, mir ist kalt, ich war in solchen Angelegenheiten immer schon ein Weichei, mir kommen die Tränen, der Schreck, der Schmerz. Runter in die Notaufnahme, Björn ist sich sicher, kannst du gehen? Er geht mit. Wir gehen runter zur Notaufnahme, in die Orthopädie. Mir wird eine Bahre zugewiesen, noch mehr Kompressen, eine Decke. Björn und der Orthopäde diskutieren. Trauma-CT, wir dürfen sofort kommen. Um uns herum warten andere Patienten, aber ich darf sofort kommen.

Im CT, sofort rein, die Bahre, die Röhre, jetzt einatmen, die Arme nach oben. Björn muss nach oben in die Intensivstation, ich nicke. Jetzt tief einatmen, man wird sehr klein als Patient, trotzdem geht mir das Herz auf von der Fürsorge, die mir hier entgegenkommt, sie arbeitet auf der Intensivstation, sie ist absolute Priorität. Ein Radiologe kommt, schaut die Bilder durch. Das CT okay, kein Trauma, keine Fraktur, die Halswirbelsäule ist okay, die Blutung aus der Nase kam wohl vom Aufschlag, keine Fraktur. Zwei gebrochene Rippen, ein Splitter im Ellenbogen, das heilt von allein. Mein Knie – schwer zu sagen. Keine Fraktur. Meniskus vielleicht. Immerhin. Es war nicht so schlimm. Der Leitsatz meines Lebens – es ist nicht so schlimm, selbst wenn mir etwas passiert, dann ist es immer nicht so schlimm, dann hält immer jemand eine schützende Hand über mich. Ich hab immer Glück. Ich bin, wie meine Mutter sagt, als Kind wie Obelix in Zaubertrank gefallen und das hält vor, ein Leben lang. Ich hab immer Glück.

Ich bekomme einen Stützverband, einen Termin für ein MRT des Knies am Montag, normalerweise wartet man länger, aber ich bin absolute Priorität hier, und ich weiß, ich reagiere genauso, wenn ein Angestellter hier im Krankenhaus zum Patienten wird, egal ob Arzt, Schwester oder Schwesternhilfe, Transporter oder Putzfrau – wenn wir uns nicht umeinander kümmern, wer soll sich dann um die Patienten kümmern? Wenn wir das nicht füreinander tun können, wie sollen wir uns dann um Fremde kümmern? Die Solidarität in diesem Beruf wird mir wieder einmal klar, letzten Endes sind wir immer alle Schwestern und Brüder.

Ich kriege Krücken, damit geht es viel besser. Ich kriege ein Rezept für Schmerztabletten. Nach eineinhalb Stunden verlasse ich die Notaufnahme, auf Krücken, dankbar, dass es nicht schlimmer war. Mein Weg führt natürlich erstmal zur Intensivstation, wo bist du, Björn? Mein Freund, mein Berater, mein Beschützer, der, der immer hinter mir steht, egal was. Er legt gerade einen Swan-Ganz-Katheter, keine Zeit für mich. Ist okay, wir telefonieren später.

Ich bin zuhause, mit Verbänden, einer Kniefixierung, Krücken, das MRT ist am Montag. Sicher und geborgen in den Händen meiner Kollegen, mir kann nichts passieren, so lange ihr da alle steht und für mich da seid, wenn ich es am meisten brauche.