Von Dinosauriern

Warum schaffen manche Ärzte den Absprung ins Rentnerdasein einfach nicht?

Die Frage stelle ich mir gerade sehr ernsthaft, denn ich habe ein wachsendes Problem am Hals, und es heißt Bernhard Schaarschmidt. Bernhard ist wird diesen Sommer 74 Jahre alt und weigert sich standhaft, in Rente zu gehen. Er ist einer der großen Meister der Inneren Medizin, hat Lehrbücher verfasst, arbeitet seit 1965 an diesem Krankenhaus, hat sowohl die Intensivmedizin als auch die Innere Medizin über Jahre hinweg vorangetrieben, war einer der ganz Großen, sein Name forderte Respekt. 

Bis er dann so 63-64 Jahre alt war – ich höre mehr und mehr über diesen Mann, der im ganzen Land bekannt ist. Damals war er noch auf der Intensivstation, bis die Kollegen ihn als zu langsam, zu umständlich, zu prätentiös empfunden haben, und ihn leise, elegant und entschlossen von der Intensivstation verwiesen haben. Unbeirrt fing Bernhard in der Lungenmedizin an, war dort ein paar Jahre, hat das Rentneralter verpasst, und dann passierte dort das Gleiche: Trotz des großen Namens und der lebenslangen Erfahrung wollten die Kollegen dort ihn nicht mehr haben, und arbeiteten hart daran, ihn von der Station zu verweisen.

Jetzt ist er auf der Akutstation der Inneren Medizin und ich sehe jeden Tag, was passiert, wenn der Name größer wird als der Arzt dahinter und was dieser Respekt und diese Erfahrung letztendlich mit der Selbsteinschätzung anstellen können. Bernhard ist selbst schwer von seiner Größe überzeugt, hat diese bedeutungsvolle Stimme, spricht gerne über sich selbst, es wirkt immer, als würde er darauf warten, dass jemand “Hört, hört!” ruft, und kann andererseits nicht mehr richtig Schritt halten. Er hat seine lange Erfahrung, auf der er ruht wie auf einem Thron, und ist so langsam, dass die Uhren stehenbleiben.

Ich habe inzwischen mit hunderten von Ärzten gearbeitet, mit den meisten sehr gut, mit manchen ausgezeichnet, mit manchen gab es Probleme, mit einigen wenigen Konflikte, die sich meistens lösen ließen. Ich würde sagen, dass ich nicht gerade für Probleme bei der Zusammenarbeit bekannt bin. Aber Bernhard ist ein ganz neues Problem für mich.

Morgens kommt er, gießt sich eine Tasse Kaffee mit Milch ein und rührt dann mit dem Bügel seiner Brille um, leckt diesen ab und setzt sich dann die Brille auf. Er spricht gerne von der Vergangenheit: “Als ich 1965 angefangen habe…” – das ist doch wohl kaum relevant für diese Patienten?!? Einmal musste ich widersprechen, als er herablassend lächelnd erzählte, dass sie in den Achtzigern auf der Intensivstation keinen Oberarzt rund um die Uhr im Haus hatten und damit gezwungen waren, Probleme selber zu lösen… oh ja, ihr wart sicher ganz wunderbar in den Achtzigern, klatsch, klatsch, applaudier, aber da musste ich dann doch einwenden, dass man damals ja auch nicht dieses Niveau in der Intensivversorgung hatte, nicht rund um die Uhr Eingriffe ausführte, nicht diese Klientel hatte? Es nervt mich unendlich, wenn Krankenschwestern und Ärzte den Standard und die technischen Lösungen von vor 30-40 Jahren als Maßstab nehmen, “damals hatten wir nur x und y und trotzdem haben unsere Patienten überlebt”, und dabei soll dann durchscheinen, dass wir inzwischen verwöhnt sind von der medizintechnischen Apparatur und keine “richtigen” Kenntnisse haben. Man vergleicht da Äpfel mit Birnen, wir behandeln inzwischen eine andere Klientel.

Ich glaube, am meisten ärgert mich seine verächtliche Haltung. Bei der Visite wird ein signifikantes Herzgeräusch festgestellt, der Assistenzarzt hört ab, ich bitte um ein Stethoskop, damit auch die Krankenschwestern auskultieren dürfen, und kriege ein verächtliches Lächeln als Antwort. Ich Ranya nochmal, etwas deutlicher, Bernhard lächelt überlegen, und ich bekomme das Stethoskop des Assistenzarztes. Gina hört ab, ich zeige ihr, wo, erkläre, neben uns steht Bernhard und lacht abfällig und meint, ja, wenn man nun der Meinung sei, das Krankenschwestern sich mit so etwas befassen sollen…

Ein Arzt der Inneren Medizin hat zwei Artikel veröffentlicht, über Hyponatriämie, sein Chef hat dies im Intranet bekanntgemacht. Die Gratulationen der Kollegen strömen herein, Bernhard schreibt statt einer Gratulation darüber, dass auch er sich in den Achtzigern und Neunzigern für das Thema Hyponatriämie interessiert hat. Sehr interessant, aber wir reden doch eigentlich über die Leistung eines anderen…?

Jeder Vorschlag, der von jemand anderem kommt, jede Idee zur neuen Forschung, neuen Guidelines, neuen Erkenntnissen, wird abgetan, gerne mit den Worten “Meiner Erfahrung nach hat das keinen Sinn/ist das unnötig…”. Das ist das Argument, das jede Diskussion im Keim erstickt, denn was soll irgendeiner von uns darauf antworten? Keiner von uns war auch nur geboren, als Bernhard als Arzt angefangen hat.

Ein Medizinstudent im 6. Semester war den Tränen nahe, als er voller Mühe und Ernsthaftigkeit seine erste Aufnahme geschrieben hat, er saß sicher 90 Minuten daran – eine halbe Stunde später kommt Bernhard, hat im Computersystem alles durchgestrichen und selber verbessert, und sagt “das war ziemlich ärmlich” und geht von dannen. Da ging mir fast die Sicherung durch – dann erkläre, lobe das, was gut war, und komm mit ein paar Vorschlägen, was man vielleicht auch noch erwähnen sollte, anstatt einen Studenten so abzufertigen.

Am Montag war es dann soweit – Bernhard zieht seine One-Man-Show bei der Visite ab, wir anderen stehen da und sehen ihm zu, jede Frage wird belächelt, jeder Vorschlag abgetan, und nach der Visite muss man die Gewitterwolke über meinem Kopf gesehen haben, ich sprach mit meiner Chefin. Für mich ist es eine ganz neue Erfahrung, eine Chefin zu haben, die mich ernst nimmt – nicht gerade ein Kompliment an frühere Führungskräfte, ich weiß. Aber eine halbe Stunde später standen Ranya und Sönke in meiner Tür – Ranya ist hat die Pflegedienstleitung der Inneren Medizin, Sönke ist Sektionschef der Ärzte. Ranya kenne ich, Sönke habe ich einmal begrüßt, aber die Bereitschaft, auf Signale zu reagieren, sich hinzusetzen und sich meine Meinung anzuhören, sie ernst zu nehmen und zu agieren, hat mich schwer beeindruckt.

Das Problem ist, dass wir alle wissen, dass Bernhard sein Haltbarkeitsdatum schon lange überschritten hat, jetzt nur noch von seinem Namen lebt und gerade ernsthaft dabei ist, seinen Ruf zu zerstören. Nur: Wie wird man jemanden los, der sich standhaft weigert, in Rente zu gehen und der solche Verdienste hat, ohne seinen Namen in den Schmutz zu ziehen?

Und warum ist es so schwierig, das Zepter aus der Hand zu geben? Gibt es nichts anderes, was einen erfüllen könnte? Ist es die Angst vor dem Verlust der Identität? Braucht man diesen Respekt, diese Renommee so sehr, lebt man so sehr davon, dass man der große Dr. Schaarschmidt ist? Ist es so unerträglich, dass ein Krankenhaus auch ohne einen selber weiterläuft, fühlt man sich so unersetzlich?

Ich weiß es nicht, aber wir arbeiten daran. Ich weiß auch nicht, wie sie es gemacht haben, aber für den Rest der Woche arbeitete Bernhard an einem nicht näher definierten “Projekt” und Sönke kam als sein Ersatz auf Station. Die Woche wurde von Montag an nur noch besser.