Von Göttern in OP-Kluft – in der Neurochirurgie

Es gibt einen Witz über die Neurochirurgen: Was ist der Unterschied zwischen Gott und einem Neurochirurgen? Gott weiß, dass er kein Neurochirurg ist.

Die Neurochirurgen stehen in der Hackordnung ganz oben, es gibt keine Fachrichtung, die so angesehen ist wie die Neurochirurgie. Dort einen Facharztvertrag zu bekommen, gilt als unmöglich, die Neurochirurgen belächeln alle anderen Chirurgen. Ich habe schon viele kennengelernt und sie waren alle brillant, hochintelligent, Exzentriker, arrogant, hatten eine kurze Zündschnur und kein Verständnis für Fehler. Gleichzeitig waren sie Menschen, die ihr Leben völlig einer Kunst widmen, einer Aufgabe, die zu schwer ist für die meisten anderen, Worte wie „geschickt“ und „kompetent“ sind eine Untertreibung. Sie stehen so weit über allen anderen, sind so unerreichbar in allen Bereichen, so unermesslich gut. Diese Fachrichtung machen nur die Besten.

Arne Heversen, der es schafft, in jedes Gespräch einfließen zu lassen, dass er Chef der Neurochirurgie an der Uniklinik ist und welche Bücher und Artikel verfasst hat – und der einmal sagenhafte 30 Stunden ohne Pause über das Mikroskop gebeugt operierte.

Professor Hohenstein, dieser stille, würdevolle Mann. Ich weiß nicht mal, wie Professor Hohenstein mit Vornamen hieß (ob er so was überhaupt hatte?), er war nur Professor Hohenstein, der jüngere Ärzte völlig schreddern konnte und kein Versäumnis zuließ, und immer mit mahnender Stimme sagte: „This is not orthopedics“ wenn jüngere Kollegen sich auf einen Fall stürzen wollten, Professor Hohenstein, der immer die Interessen der Patientens im Auge hatte und verteidigte.

Ilias Söder, Egozentriker par excellence, der alles kann, der sich Fällen annimmt, die allen anderen zu schwierig sind, Patienten aus ganz Europa kommen zu Ilias, er ist der einzige, der sich zutraut, das zu können, und er kann es, er operiert die zum Tode Verurteilten, die hoffnungslosen Fälle, er operiert stundenlang, 14-16 Stunden sind keine Seltenheit, und er macht keine Pausen, Ilias Söder, der sich gerne ganz bescheiden als „Der Meister der Meister“ vorstellt (und damit eben verdammt noch mal sogar recht hat!), und doch einen Humor und einen Charme besitzt, der seinesgleichen sucht.

Pablo Gomez, der aus Südamerika kam und sich langsam hochgearbeitet hat, als fertiger Neurochirurg als Schwesternhilfe gearbeitet hat, bis er die Approbation in Europa bekam, und der mit einer Fingerfertigkeit und Geschwindigkeit operiert, die einen in Ehrfurcht erstarren lässt – ich erinnere mich, dass ich mit offenem Mund dastand, als Pablo ein Aneurysma, eine arterielle Gefäßmissbildung im Gehirn, rückhändig geclipt hat, unmöglich zu erreichen, ein Fehler und der Patient verblutet, es gibt nur eine Chance, und seine Ruhe, seine Gelassenheit, und ich dachte, wenn ich einmal so was habe, dann will ich nur Pablo und niemand anderen!

Ich war so gespannt auf die neurochirurgischen Operationen, als ich in der Anästhesie anfing, lange auf den neurochirurgischen Stationen gearbeitet, und jetzt endlich im OP, und dann ging alles schief! Am ersten Tag, als Ilias Söder seine Operation im Saal beschrieb, versuchte ich, meinen Hocker einzustellen, verlor das Gleichgewicht und kippte nach vorne und fiel auf den Boden, während er sprach – das erweckt gleich Vertrauen, die Anästhesieschwester kann nicht mal auf einem Stuhl sitzen bleiben! In der Mittagspause habe ich mir etwas zu essen gekauft und kam zurück zur Operationsabteilung und merkte, dass der Türgriff lose hing, versuchte, ihn in die richtige Stellung zu bringen – da kam Ilias um die Ecke, und ich stand mit dem Türgriff in der Hand und muss ausgesehen haben, als ob ich ihn gerade abgerissen hätte, er sah mich etwas erstaunt an und ich sagte dumm „der ist kaputt“ und dachte, na toll, jetzt denkt er, ich bin völlig schwachsinnig…

Am nächsten Tag fragte er unter der Operation beiläufig nach dem Blutdruck des Patienten, ich sagte, „ist okay gerade“, er fragte etwas dringlicher nach dem Blutdruck, ich sagte „90/50“, und er meint gelassen, er habe gerade ein Loch in die Arteria Carotis gestochen – die große Halspulsschlagader, die das Gehirn mit Blut und Sauerstoff versorgt! Ich fuhr auf, „Was??? Loch? Was heißt hier LOCH?!? Blutkonserven, jetzt….!!!!!”, mein eigener Blutdruck schoss in schwindelnde Höhen, und Ilias sagte gelassen: „Keep it calm, I do this for a living.“ Und was soll ich sagen, er bekam es im Handumdrehen hin…

Am Folgetag war ich zum Glück auf einem anderen Saal – da kam der Anästhesist und sagte, „Ilias hat nach dir gefragt, er sagte, wo ist denn dieses lustige deutsche Mädchen heute?“. und ich dachte, ich muss vor Scham in den Boden versinken… na toll, drei Tage in der Neuroanästhesie und ich bin der Pausenclown des genialsten Neurochirurgen der ganzen Klinik…