Von Rottweilern und blauen Augen

Ein grauer Tag, es ist kalt und nass draußen. Traumaalarm am Vormittag, ein Reitunfall wird angekündigt, eine Frau ist von Hunden angefallen wurden. Moment mal, was denn jetzt nun, frage ich verwirrt nach. Die Angaben sind immer ein bisschen undeutlich, aber als die Patientin gebracht wird, erfahren wir, dass die junge Frau, 26 Jahre, beim Reiten von drei Hunden überrascht wurde, drei Rottweiler. Das Pferd scheute, die Hunde jagten das Tier, das in Panik galoppierte, direkt auf die Straße zu, die Reiterin wurde abgeworfen und die Hunde, voller Adrenalin, stürzten sich auf die junge Frau.
Ich will mir nicht vorstellen, wie das ausgegangen wäre, wenn kein Haus in der Nähe gewesen wäre, wenn der Bauer, 500 Meter entfernt, es nicht gehört hätte, aber er nahm seine Schaufel und sein Sohn einen Rechen und die beiden kamen zur Hilfe (Hut ab vor den beiden, dass sie den Mut hatten, sich in dieses Getümmel zu stürzen). Einen Hund haben sie erschlagen, die anderen ergriffen die Flucht.
Die Frau ist völlig zerbissen, zerrissen, zerfetzt. Das Gesicht, die Nase, ein Biss ganz nah am Auge, die Wangen in Fetzen, die Brust zerrissen, die Hände zerbissen, die Finger gebrochen an der einen von den starken Kiefern. Sie lag in einem Graben, als die Hunde angriffen, die Kleider nass, sie ist unterkühlt, zittert unkontrolliert. Die Angst, die diese Frau hatte, kann mal wohl nur erahnen, in einem nassen Graben von drei Rottweilern attackiert, und ich frage mich irgendwo im Hinterkopf, was das wohl für Menschen sind, die sich solche Bestien halten und wie es sein kann, dass die frei rumlaufen, und ich hoffe insgeheim, dass die Frau, wenn es ihr besser geht, den Halter dieser Ausgeburten der Hölle auf jeden Cent verklagt, den er hat!
Wir laufen auf Hochtouren – die nassen Kleider werden aufgeschnitten, Wärmedecke, CT, Tetanusbooster, Antibiotika, ein plastischer Chirurg wird angefunkt. Die Realisation, der Schreck kommt über sie, sie zittert, sie redet fahrig, sie fragt nach ihrem Pferd. Ich tupfe mit Kompressen und sage, “ich verstehe das, aber ich kann mich nicht um das Pferd kümmern, ich bin hier bei dir, ich muss dafür sorgen, dass es dir gut geht, die Polizei kümmert sich um dein Pferd”. Sie fragt nach ihrem Gesicht, “was ist mit meinem Gesicht”, und ich tupfe und besänftige, tröste, “wir kriegen das hin, wir nähen das so fein, dass es keiner sieht, der Chirurg ist unterwegs, nicht anfassen jetzt, ich tupfe hier nur mit einer sterilen Kompresse, das ist etwas, was wir richten können, wir nähen das”, ich tupfe und tupfe, es blutet kräftig wie alle Gesichtswunden, und sehe so positiv und sicher aus wie ich nur kann, verstehe den Schrecken, die Tränen, ihre Angst, “wir kriegen das hin, hab keine Angst”. Ich halte ihre einigermaßen heile Hand, ich halte sie fest, ich rede und ich besänftige, bis wir die Narkose einleiten und sie einschläft.
Wir nähen drei Stunden lang, der plastische Chirurg tut Wunder, näht mit höchster Konzentration so fein unter der Lupe, dass man die Stiche nicht sieht, ich sehe die Schweißtropfen auf seiner Stirn und ich weiß, er tut sein Allerbestes, wendet seine ganze Kunst und Meisterschaft auf. Sie schläft ruhig, und ich weiß, das wird gehen, das haut hin – vielleicht nicht ganz ohne Spuren, aber das haut hin.

Zwei Wochen später kommt ein Blumenstrauß und eine Karte für mich – sie hat meinen Namen vergessen, aber nicht meine Augen: An die Krankenschwester mit den großen blauen Augen und der ruhigen Stimme, die meine Hand hielt und sagte, alles wird gut.

Danke!