Von Spionen und der Hölle

Es braucht nicht viel, um die kognitiven Fähigkeiten älterer Menschen durcheinanderzubringen. Krankheit, Medikamente, Infektionen, die fremde Umgebung, Schlaflosigkeit – das reicht oft schon, um eine gewisse Verwirrung entstehen zu lassen. Besonders nachts, wenn es dunkel wird.

Ada ist 85 und bei uns nach einem Herzinfarkt, und sie leidet abends an Reperfusionsarrhythmien – der nun wieder durchblutete Herzmuskel schießt quer. Wir sprechen von Schauern – immer wieder, ventrikuläre Tachykardien, 12-15 Schläge, während Ada im Flur auf- und abwandert und immer aufgebrachter wirkt, und plötzlich schimpft sie los, sie wisse genau, was wir hier machen, das sei Spionage, wir tarnen uns nur als Krankenschwestern und würden eigentlich Telefone abhören!

Verdattert gucken wir uns an, aber klar: Die Arbeitsstation mit Überwachungsbildschirmen, auf denen es flimmert, Computern und Telefon muss für Ada ausgesehen haben wie avancierte Überwachung.

Wir können die aufgebrachte Dame wieder überreden, in ihr Zimmer zurückzukehren, das Herz schlägt wild in der Aufregung, sie lässt sich von nichts überzeugen, ist keiner rationalen Überlegung zugänglich, immer mehr Tachykardien, sie hat einen Zugang im Arm, den sollten wir kurz spülen, um sicherzugehen, dass er funktioniert, falls das jetzt schlimmer wird – und vielleicht eine kleine Dosis Valium, dann beruhigt sich das wohl wieder…

Als meine Kollegin mit zwei aufgezogenen Spritzen kommt, ist Ada die Sachlage völlig klar: Das sind die Giftinjektionen, mit denen wir sie um die Ecke bringen wollen, weil sie unsere Spionagetätigkeit entdeckt hat. Sie wird wütend, schreit, wir rollen ihre Zimmernachbarin in ein anderes Zimmer, damit zumindest die heute Nacht schlafen kann, und Ada sieht den leeren Platz neben sich und weiß sofort: Aha, die ist schon tot.

Es ist tragisch und gleichzeitig komisch, Adas Wirklichkeitsauffassung und ihre Schlussfolgerungen, und Ada kämpft wie eine Löwin. Sie hat wirklich Nerven wie aus Stahl, die kleine Dame in ihrem weißen Hemd. Man muss sie regelrecht bewundern. Keine Tränen, kein Betteln, nichts, nur Wut und Verachtung – sie weiß, dass wir sie umbringen werden, dass sie keine Chance gegen die fünf Leute hat, die ihr Bett umringen, dass sie da nicht herauskommt, und sie schleudert mit Worten um sich, drückt ihre Verachtung über „Leute wie uns“ aus – sieht hoch und sieht im Spiegel über dem Waschbecken an der Wand die Reflektion von Sam, der hinter ihr steht, und faucht wütend: „Was stehst du da hinter dem Spiegel und grinst frech!“ Die arme Frau, sie muss geglaubt haben, in einem Verhörraum zu sein, mit Leuten, die sie hinter einem Spiegel beobachten.

Adas Herz schlägt immer unregelmäßiger, und um Schlimmeres zu verhindern und sie nicht noch mehr zu quälen in ihrer Angst, müssen wir sie schließlich festhalten und ihr Valium injizieren, Ada schreit laut um Hilfe, schlägt um sich und sinkt dann weg. Und sofort normalisiert sich der Rhythmus auf dem Überwachungsschirm.

Ada wacht nach vier Stunden wieder auf und findet sich kaum zurecht. Sie ist unsicher, ob sie noch lebt, und meint ständig, dass sie wisse, dass da Gift in der Spritze war, und fragt schließlich: „Bin ich im Himmel?“ Da muss ich fast lachen, als ich mich in dem hässlichen Zimmer umsehe, wenn das der Himmel ist, dann will ich nicht wissen, wie die Hölle aussieht…