Die Weigerung

Im Laufe meiner Krankenschwesterkarriere habe ich schon viele Fachrichtungen durchlaufen. Angefangen habe ich als Schwester auf der Neurologie, später kamen Kardiologie und Intensivmedizin hinzu, außerdem bin ich ausgebildete Anästhesieschwester.

In der Anästhesie ist man niemals selber für die Behandlung verantwortlich. Wir führen eine Dienstleistung für eine chirurgische Abteilung, die bestellt und bezahlt, aus. Man hat also kein Mitspracherecht, man betäubt den Patienten, was gemacht wird, ist letztlich nicht unsere Sache.

Trotzdem habe ich einmal in meiner Karriere eine Anästhesie verweigert, bei einem Schwangerschaftsabbruch.

Die werden in der gynäkologischen Tagesklinik durchgeführt, 8 bis 10 am Tag, eine Frau nach der anderen. Der Eingriff geht schnell, die Maskennarkose ist leicht, der verantwortliche Anästhesist, dessen Name hinterher auf dem Papier steht, ist nicht mal anwesend. Die Frauen sind gesund und die Narkose so easy, dass man nur kurz vor Beginn via Telefon abstimmt und ihm mitteilt, dass man jetzt anfängt.

Dem Schwangerschaftsabbruch lege ich keine Wertung bei, das ist nicht meine Aufgabe, meine Aufgabe ist, eine sichere Narkose zu machen, wie für alle Patienten. Privat  verteidige ich das Recht jeder Frau, eine Schwangerschaft sicher zu beenden, wenn sie das aus irgendeinem Grund wünscht. Und doch kann ich manchmal schaudern, wenn wir 10 Abbrüche an einem Tag ausführen.

Nur bei einer Frau habe ich mich geweigert. Sie war um die 30, mit zwei Kindern. Ihr Ehemann oder Freund war mit ihr in der Klinik, und sie saß im Bett und weinte, und er redete ihr zu, und sie schüttelte immer nur den Kopf und sagte unter Tränen, „ich kann nicht, ich will nicht“. Er wurde ungeduldig, erhob die Stimme, der Stress im Zimmer war förmlich zu spüren, sie weinte immer mehr, die Schwestern der gynäkologischen Tagesklinik wurden ungeduldig, wollten mit dem Programm fortfahren, die Gynäkologin trommelte mit den Fingern, und ich verließ das Zimmer, stand im Flur und sagte: „Nein.“

Auch im Flur stieg der Stress, die Schwestern der Tagesklinik waren sauer, die Gynäkologin erklärte ungehalten, die Frau sei beim Vorgespräch gewesen und hätte dem Eingriff zugestimmt – mag sein, aber JETZT will sie NICHT, Himmelherrgott! Sie will diesen Eingriff nicht, nicht jetzt und nicht hier, ich mache das nicht, ich mache hier keine Narkose gegen ihren Willen, während er sie unter Druck setzt (was um Himmels willen denkt sich dieser Mann, den ich gerne schütteln würde, ist ihm nicht klar, dass sie es ihm höchstwahrscheinlich NIEMALS verzeihen wird, wenn er sie jetzt zu diesem Eingriff nötigt?), vielleicht will sie es nächste Woche und ist bereit dazu, aber jetzt will sie nicht und ich mache das nicht.

In meiner Erinnerung keift der ganze Flur, ich wurde unter Druck gesetzt, meine Fähigkeit, die Situation zu beurteilen, wurde in Frage gestellt, und ich erinnere mich, wie ich darum kämpfte, die Fassung zu behalten, meine Stimme wurde schrill. Ich rief Tim an, den verantwortlichen Anästhesisten, „komm bitte, ich brauch dich“ – und Tim kam, zu meiner grenzenlosen Erleichterung, ruhig, gelassen, die Stimmen strömten über ihn, und Tim sagte: „Nein“. Wenn Elina Nein sagt, dann verweigern wir die Anästhesie. Ohne ins Zimmer zu gehen, ohne selbst mit der Patientin zu sprechen, gab es für Tim nicht einmal die Spur eines Zweifels – wenn ich das sage, dann ist das so, und dann machen wir keine Anästhesie.

Er und die Gynäkologin verschwanden im Zimmer, ich stand im Flur und meine Hände zitterten. Ein paar Minuten später kamen sie wieder aus dem Zimmer – dann machten wir weiter mit der nächsten Patientin.

Die Frau und ihr Mann verließen die Tagesklinik, ohne den Abbruch durchgeführt zu haben. Ich weiß nicht, wie es weiterging, ob sie es später wollte, gemacht hat, ob sie das Kind bekommen hat – ich weiß nur, an diesem Tag war sie nicht bereit dazu. Und ich bin ganz ganz sicher, dass ich das Richtige getan habe.