Wieder einmal Flo…

Und es geht weiter mit Flo…

Sonja ist mal wieder bei uns. Sonja ist das, was wir als „frequent flyer“ bezeichnen, sie kommt alle 6-8 Wochen mit respiratorischer Insuffizienz zu uns. Sonja hat eine chronische obstruktive Lungenerkrankung und raucht immer noch zwei Schachteln pro Tag. Jetzt hat sie die Grippe, dazu noch eine bakterielle Superinfektion. Sie braucht non-invasive Ventilation. Um 22:00 verlegen wir sie vom Überwachungssaal auf einen Intensivpflegeplatz, das geht nicht besonders gut, alle Werte werden ständig schlechter, sie kann nicht genug Sauerstoff aufnehmen und nicht genug Kohlendioxid ausatmen. Kohlendioxid sammelt sich im Blut, Sonjas pH sinkt immer mehr. Um eins ruft Georg Flo an, sie schafft es nicht mehr richtig, Intubation? Flo kommt und hört die Lungen ab, entscheidet sich gegen die Intubation, wir geben ihr noch Zeit. Nun gut, ich gebe zu, Sonja ist nicht gerade der beste Kandidat, eine invasive Ventilatorbehandlung zu überstehen, aber das hält nicht, sie schafft die Nacht nicht, warum nicht jetzt intubieren, wo sie noch ein paar kleine Reserven hat, anstatt abzuwarten, bis alles zusammenbricht?

Es ist nicht meine Entscheidung – ich würde es jetzt machen, aber wie immer kann Flo sich nicht entscheiden. 10 Minuten später ruft er mich an, sollten wir vielleicht doch…? Ich denke ja, Flo wankt, sagt dann doch nein, legt aber schon seinen Plan vor, wie wir es machen, wenn es dazu kommt.

Um vier Uhr ist es soweit, PCo2 bei 11,7, pH bei 7,17, entweder jetzt gleich oder nie. Flo kommt, wir bereiten alles vor, und wie immer ist alles bei Flo „backwards and ass-wise“ – wir haben nur einen venösen Zugang, Flo ruft, das reicht, die Blicke zwischen uns, Ina erfasst, was ich sagen will, und macht sich daran, noch einen Zugang zu legen, Flo fummelt mit Sauger und Beatmungsmaske, und versucht, seriös auszusehen, Medikamente bereit, Intubationsmaterial bereit, Flo will alles vorbereitet haben, einen Guedel, Glidescope, normales Laryngoskop, eine Larynxmaske – okay, wie sieht dein Plan aus? Die Organisation bleibt mir überlassen.

Die Intubation selbst geht unerwartet leicht, wir schließen Sonja an – da auf einmal Alarm vom Ventilator, die Tidalvolumen, die Menge Luft eines Atemzuges, viel zu gering, 40-50 ml, wo eigentlich 350-400ml benötigt werden, die schwer lungenkranke Frau ist völlig obstruktiv, die Lungen steif, die Bronchien ziehen sich zusammen, Flo hackt auf dem Schirm des Ventilators herum, reagiert auf nichts mehr – „Flo! Magnesium, das die glatte Muskulatur relaxiert und damit die Bronchien weitet?“

Flo hört nichts, sieht nichts, ich rufe Ina „10ml Magnesium“ zu, sie läuft, „Flo, die Patientin wacht auf“, Flo reagiert nicht, „Eva, mehr Ketamin, spritz’ den Rest, den du noch aufgezogen hast, Flo, sollen wir es mit einer Adrenalininhalation versuchen? Flo?!?“ Er nickt, die Sauerstoffsättigung sinkt weiter, „Flo, handventilieren“, er steht mit dem Beatmungsbeutel in der Hand da, ich nehme den Ventilatorschlauch ab und schließe den Beatmungsbeutel an, 100%, immerhin komprimiert Flo den Beatmungsbeutel. „Flo, Propofol und Fentanyl, Relaxantia, alle Muskeln des Körpers lähmen, damit wir Luft in die Lungen pressen können? Ina, Atracurium! Wir haben Rocuronium hier, wir fangen damit an,“ sage ich zu Saskia, „gib ihr 40 mg, während Ina eine Infusion mit Atracurium aufzieht.“

Die Sauerstoffsättigung wendet bei 64%, die Bronchien weiten sich. Wir kriegen Luft in die Patientin. Flo verlässt strahlend den Saal, ich gehe ihm hinterher, das war eine Katastrophe, wir müssen darüber reden, ich setze an und Flo sagt cool und lässig zu mir: „In solchen Lagen muss man halt einen kühlen Kopf bewahren können.“ Ich halte inne, völlig sprachlos. Wie verpeilt ist eigentlich dieser Kerl? Schneit sich ein in dieser Lage, jeder Vorschlag, jede Idee, kam von mir, und jetzt protzt er rum, wie er einen kühlen Kopf behalten hat?!? Ich fass’ es nicht!

Ich fange dieses Gespräch nicht an – viertel vor fünf ist auch nicht meine beste Zeit, und das geht schief, wenn wir das jetzt versuchen. Innerlich koche ich – Flo zeigt nichts von dem, was wir von einem Oberarzt erwarten, kann keine Entscheidung treffen, das Team nicht führen, und ich habe meine Befugnisse gerade weit überschritten, um das Problem zu lösen. Georg fragt, wie lange wir Relaxantia geben sollen, Flo sitzt am Computer und schreibt, und auf einmal bin ich unendlich müde, er wartet jetzt nur, dass ich etwas sage, damit er mir zustimmen kann und selbst nichts entscheiden muss, und sage, bis zur Visite am Morgen zumindest, und Flo sagt strahlend „genau“! Ich geh mir einen Kaffee holen.

Ich kenne alle von Flos guten Eigenschaften und weiß sie zu schätzen, aber ein guter Oberarzt ist er nicht. Ich werde das mit Björn besprechen müssen.