Wirst du auch traurig?

Montag, 13:00 – Evas Intensivpflege wird heute abgeschlossen. Im Familienzimmer sitzen die Pflegeeltern Pia und Niklas mit Lena und Felix. Anton, der Vater der Kinder, kommt. Zu meiner Erleichterung ist er nüchtern.  Die Kinder werfen sich in seine Arme, er sitzt auf dem Sofa, in jedem Arm ein Kind. Der Sozialarbeiter kommt, wir bitten die Pflegeeltern aus dem Zimmer, sprechen den Plan ab. Wir vereinbaren, dass die Kinder jetzt Abschied nehmen dürfen, sich alle Zeit lassen können, und wenn die Familie gegangen ist, werden wir den Tubus ziehen. Wie lange Eva danach überleben wird, kann keiner sagen, es kann sich um Minuten handeln, wenn sie aber allein atmen kann, kann es noch 2-3 Tage dauern, bis sie stirbt. Die Pflegeeltern sitzen auf dem Sofa, erzählen von der Reaktion der Kinder, sind sich selber unsicher, sind ernsthaft um die Kinder besorgt.

Die Kinder sind sehr still während des Gesprächs. Björn fragt, ob sie wissen, warum ihre Mutter so krank ist. „Ein Gehirnschaden“, sagt Felix. Björn nickt, ob sie wissen, wie sie diesen bekommen hat? „Tabletten“, sagt Felix, wie aus der Pistole geschossen. „Nein“, sagt Björn, „es war ihr Insulin, sie hat sich eine sehr hohe Dosis Insulin gegeben“, und ich frage mich still, wie oft dieser Junge gesehen hat, wie seine Mutter Tabletten schluckt.

Lena ist sehr still, sie weint. Felix ist eher unruhig, kann kaum stillsitzen, dreht und windet sich. Björn beschreibt ruhig, dass Eva nicht mehr aufwachen kann, und Felix fragt nochmal nach, überhaupt nie mehr? Nie mehr. Wir sprechen über Abschiede, die Kinder nicken, als wir fragen, ob sie noch Bilder machen möchten. Wir gehen ins Zimmer. Lena schließt ihre Katze in die Arme. Die Pflegeeltern setzen sich still. Anton weint. Es dauert, bis die Kinder es wagen, ihre Mutter zu berühren.

Felix fragt mich, ob seine Mutter träumt. Nein, sage ich, ich glaube nicht – und will mir sofort auf die Zunge beißen, das war die falsche Antwort. Das wäre vielleicht die richtige Antwort für einen Erwachsenen gewesen, aber in dieser Situation wird mir der Fehler sofort klar, und frage Felix: „Glaubst du, dass sie träumt?“ Felix nickt, ich frage, wovon sie denn träumt? „Von Abenteuern“, sagt Felix überzeugt und fängt an, die Abenteuer zu beschreiben.

Felix möchte auch ein Identitätsarmband, so wie seine Mutter und die Katze eins haben. Ich hole zwei, Felix macht sich daran, seins zu beschriften, Lena will nicht. Die Pflegeeltern machen Bilder.

Nach einer Stunde sind die Kinder erschöpft, wollen aber nicht gehen. Pia schlägt vor, dass sie etwas essen gehen können und danach wiederkommen, um sich zu verabschieden. Pia lädt Anton ein mit ihnen zu kommen, Anton will nicht, Pia sagt, dass er natürlich als ihr Gast willkommen sei. Meine Bewunderung für die Pflegeeltern wächst mit jeder Minute. So ernsthaft um die Kinder besorgt, so voller Respekt für Eva und Anton als die Eltern der Kinder, so, wie sie eben sind, was wohl auch nicht immer so leicht ist, wenn man Kinder aus so schwierigen Verhältnissen bei sich aufnimmt. Kein Groll, keine Wertung, kein negatives Wort – nur Akzeptanz der Tatsache, dass die Eltern der Kinder eben so sind, wie sie sind.

Als die Kinder wiederkommen, streichen sie wieder unsicher durchs Zimmer. Ich schlage vor, dass sie auch etwas malen oder ihrer Mutter einen Brief schreiben können, wenn sie das wollen. Beide Kinder nicken – ich nehme meinen Kuli aus der Brusttasche, den wasserfesten schwarzen Marker und sage, dass ich noch ein paar Markerstifte holen kann, Lena fragt mit hoffnungsvoller Stimme: „Einen in Rosa?“ Ich weiß nicht, ob wir einen in Rosa haben und wünschte, wir hätten einen Kasten richtige Buntstifte anzubieten. Ich nehme Papier aus dem Drucker, hole Marker in Gelb, Orange und Rosa, das ist alles, was wir haben.

Auf einmal wird aus dieser Unsicherheit im Raum Kreativität. Die Kinder malen hingebungsvoll, Lena macht sich dran, einen Brief zu schreiben, in der sie alle guten Eigenschaften ihrer Mutter beschreibt. Pia und ich sehen uns an. Die Abendvisite kommt, Ingo und sein Primärarzt, ich hebe die Hand, nicht hier, Ingo nickt und verschwindet im Zimmer gegenüber. Nach 30 Minuten ist Felix fertig, und diesmal richtig. Er legt sein Bild auf das Bett seiner Mutter, küsst sie schnell auf die Stirn, und verlässt das Zimmer. Anton geht auch. Lena will nicht gehen. Die Pflegeeltern sprechen sich kurz ab, meinen dann, dass Pia mit Lena noch bleiben wird und dann den Bus nimmt, während Niklas mit Felix nach Hause fährt. Niklas bietet an, Anton mitzunehmen. Felix fragt, ob er noch so ein Armband haben darf und eine Plastikspritze. Natürlich.

Im Saal kehrt Stille ein. Lena ist auch fertig mit dem Malen, den Brief will sie mit nach Hause nehmen, aber ihr Bild bleibt da. Sie hat wieder ihren Pullover mit diesem Teenie-Pop-Duo an, wir fragen danach. Und nach ihren Armbändern. Pia lacht und sagt, sie haben alles von denen – Pullover, T-Shirt, Armband, Handtuch, sogar Bettwäsche. Und Lena und sie waren auch schon auf einem Konzert – Pia verdreht lachend die Augen hinter Lenas Rücken. Ich bewundere diese Frau so sehr. Pflegemutter in einer so schwierigen Situation, und sie liebt die Kinder wirklich. Ich hab schon Pflegefamilien gesehen, da lief das bei weitem nicht so. Aber Pia kauft Bettwäsche mit den Idolen ihrer Pflegetochter und geht mit ihr auf ein (sicherlich schauderhaftes!) Konzert.

Lena schweift etwas ab, stellt Fragen über die Infusionspumpen, über das Bett, ich zeige ihr die eingebaute Waage, mit der wir unsere Patienten im Bett wiegen können. Plötzlich fragt Lena: „Wirst du auch traurig?“ und ich nicke und bestätige, dass ich sehr traurig werde, wenn jemand stirbt. Sie fragt nach meinem Alter, ob viele von meinen Patienten sterben, und plötzlich wird die Stimmung im Saal anders, man merkt, jetzt ist Lena bereit. Sie fängt an zu weinen, Pia weint und fragt, ob sie sich von Eva verabschieden darf. Ich muss mich abwenden und mir eine Träne aus dem Augenwinkel wischen, Pia beugt sich über Eva und streicht ihr über das Haar. Sie stellt sich neben mich und ich muss mir die Tränen abwischen, als Lena weinend ihre Stirn an die ihrer Mutter drückt. Dann verlässt sie schnell das Zimmer, ich verspreche Pia, sie später anzurufen, wenn wir wissen, wie die Extubation gelaufen ist.

Ich muss tief durchatmen, dann rufe ich Ingo an, wir können jetzt extubieren. Er kommt und legt mir die Hand auf den Arm, bist du okay? ja. Bin ich. Nur zutiefst betroffen.

Eva atmet selber, also bleibt mir nichts anderes übrig, als sie eine Stunde später auf eine Station zu schicken. Sie liegt hier auf einem Intensivpflegeplatz, und bis sie stirbt, können noch Stunden, Tage vergehen.

Später rufe ich noch bei Pia an. Die Kinder sind traurig, sie reden viel, aber Pia denkt, dass es okay sein wird. Ich sage ihr, wie sehr ich sie und ihren Mann bewundere und dass sie wirklich das Beste sind, was diesen Kindern passieren konnte.

Eva stirbt erst zwei Tage später.