You win some, you lose some

Samstagvormittag auf der Intensivstation – ein ruhiger Tag, ich unterhalte mich mit Janine, wir haben einander viel zu erzählen. Dann die Nachricht: Verlegung von der Intermediär, ein septischer Patient, Lungenentzündung, heute in den frühen Morgenstunden von der Infektionsstation gekommen, sein Zustand verschlechtert sich immer mehr, die non-invasive Ventilation reicht nicht mehr, eventuelle Intubation. Herein rollt Gregor, 45 Jahre alt, kaltschweißig, die schlechte Sauerstoffsättigung sieht man ihm an, er hat diese kalkige Farbe, die Beatmungsmaske auf dem Gesicht.

Die fliegenden Hände, ins Intensivpflegebett, Überwachungsausrüstung an den Monitor, kurze Absprache mit dem diensthabenden Arzt Alexander, der Patient hat keine Reserven mehr, wenn wir eine Intubation machen, dann jetzt, sofort, ich laufe nach den Intubationsmedikamenten, es wird telefoniert, der Akutwagen rollt ins Zimmer, das Glidescope, immer mehr Personal. Ich ziehe die Medikamente auf, eine Kollegin kümmert sich um die Vorbereitung der Ausrüstung. Mir stehen x Leute im Weg, Gina, die erst seit zwei Monaten auf der Intensiv arbeitet, fragt, ob ich Hilfe will – nein, ehrlich gesagt nicht, nicht von dir, wenn ich Hilfe brauche, dann wende ich mich sicher nicht an dich. So was kann man natürlich nicht sagen, aber denken…

Die Medikamente aufgezogen, ein kurzer Time-out, Crash Induction, es muss jetzt schnell gehen, der Patient liegt trotz 100% Sauerstoffzugabe nur auf 85% Sauerstoffsättigung. Wir kriegen das nicht höher, wir müssen jetzt intubieren, der Verlauf ist auf einmal rasend schnell hier, der septische Schock manifest, alles bricht zusammen. Wir leiten die Narkose ein, Alexander nimmt die Beatmungsmaske weg, führt das Glidescope ein – wir sehen nichts auf dem Schirm. Was? Wo ist hier das Problem, wir können nichts sehen, und der Patient, der keine Reserven mehr hat, fällt in der Sauerstoffsättigung, der Blutdruck sinkt, meine Kollegin, die das Glidescope vorbereitet hat, hat das falsche Laryngoskop angeschlossen, ich reiße wild an den Kabeln, Alexander ventiliert, ich pfriemele die Kappe des Steckkontaktes weg, bin nahe davor, laut zu fluchen, endlich, angeschlossen, wieder Laryngoskopie, schwierig zu sehen, endlich, bei schrillendem Monitor, gelingt es Alexander, den Tubus in die Luftröhre zu schieben.

Zum Aufatmen bleibt hier keine Zeit, wir haben eine Sauerstoffsättigung von 65%, einen Blutdruck von 60/35, 100%Sauerstoff, wir peitschen den Blutdruck, das Bronchoskop wird vorbereitet, der Patient ist so instabil, wie man überhaupt nur sein kann, die Dialyse primen, ein fulminanter septischer Schock, das korrigiert man nicht leicht, der Verlauf ist rasend, die Fingerspitzen, die Zehen, die Ohren, die Nase des Patienten sind blau, ich laufe nach dem Dialyseapparat, die Kartons unter den Arm geklemmt, primen, das Set aus dem Karton, gleichzeitig arbeiten wir mit aller Kraft daran, den Blutdruck zu stabilisieren. Noradrenalin, dann Dobutamin, als das auch nicht hilft, Vasopressin. Die Infusionen laufen, schneller, ich prime mit einer Hand, die Bronchoskopie hat nichts gelöst, ein ZDK, ein Zugang für die Dialyse wird gelegt, der Blutdruck immer noch tief, wir schaffen das nicht, als letzten Ausweg Methylenblau intravenös, wir erreichen nichts, Dialyseanschluss, der Blutdruck sinkt.

Die Ehefrau trifft ein, aufgelöst, drei Kinder. Alexander geht, um mit ihr zu sprechen. Das Methylenblau zeigt keinen Effekt, wir verlieren den Kampf. Die leisen Töne, „Janine, ich kann den Blutdruck nicht mehr halten“, sie nickt. Das Bedauern, das Einverständnis im Blick, wir kennen einander schon so lange, wir brauchen nichts mehr zu sagen. Wir verlieren den Kampf. Die Ehefrau kommt, in Tränen, die Kinder, im Teenageralter, hinterher, sie schaffen es gerade noch, vielleicht 30 Sekunden nach ihrer Ankunft ist der Blutdruck nicht mehr messbar, die Kurve wird platt, der Herzschlag verlangsamt sich, PEA, pulseless electrical activity, ich schalte die Dialyse ab, Asystolie. Gregor hat es nicht geschafft. Wir haben es nicht geschafft.

Die Familie sitzt bei Gregor. Ich gehe, um etwas zu essen. Alexander und ich stehen im Personalzimmer, erschöpft, es ging nicht. Nur einen Trost gibt es hier für uns beide: Wir haben alles getan, was wir konnten, und wir haben keine Sekunde dabei verloren. Alles hat gestimmt, unsere Kommunikation, unsere Zusammenarbeit, wir arbeiten gerne zusammen, wir arbeiten gut zusammen. Wir waren gut. Wir habe nichts versäumt, von dem Augenblick an, wo der Patient bei uns ankam, hat alles gestimmt.

Nur – ich denke nicht, dass das für die Familie ein Trost sein kann…